/ 19.06.2013
Uwe Schwabe / Rainer Eckert (Hrsg.)
Von Deutschland Ost nach Deutschland West. Oppositionelle oder Verräter? Haben die Ausreisewilligen der 80er Jahre den Prozess der friedlichen Revolution und das Ende der DDR eher beschleunigt oder gefährdet?
Leipzig: Forum Verlag Leipzig 2003; 128 S.; brosch., 8,60 €; ISBN 3-931801-38-1Die SED verstand „Republikflucht" als einen Angriff gegen die staatliche Ordnung der DDR. So jedenfalls ist es in den Haftbefehlen gegen Flüchtlinge zu lesen. Eine andere Frage ist, ob das Verlassen der DDR im Nachhinein als Widerstand oder oppositionelle Aktivität verstanden werden kann. Nach wie vor herrsche unter Wissenschaftlern, Publizisten und ehemaligen Bürgerrechtlern Unstimmigkeit über die Definition dieser Begriffe, schreibt der Direktor des Leipziger Zeitgeschichtlichen Forums, Eckert, im Vorwort. Das Buch dokumentiert eine Podiumsdiskussion zu diesem Thema, die im Juni 2002 im Leipziger polnischen Institut stattfand und ausschließlich von vormaligen Mitgliedern oppositioneller Gruppen in der DDR geführt wurde. Die Diskussionsbeiträge ermöglichen einen Einblick in die verschiedenen Sichtweisen und Wertungen der damals Aktiven angesichts der „Ausreisebewegung" und deren Wirkung auf die Oppositionsbewegung. Nehmen die einen die Ausreise vor allem als ein selbstverständliches Freiheitsrecht und eine radikale Absage an den SED-Staat wahr, so wird von den anderen die Unzuverlässigkeit und Ich-Bezogenheit der „Ausreiser" betont, die die politische Arbeit in den Gruppen störten und für ihre Zwecke, das Erzwingen der Ausreise, instrumentalisierten. Bei näherer Betrachtung steht hinter den Wertungen weniger eine Entscheidung für oder gegen die DDR, sondern vielmehr eine Entscheidung für oder gegen die Bundesrepublik und die westliche Demokratie. Schult, der besonders ablehnend gegen die „Ausreiser" war, hält bis heute an einer Alternative zu den beiden Systemen fest. In einem Artikel des „Friedrichsfelder Feuermelders" vom April 1988 betonte er, dass „der bürgerlich-demokratische Parlamentarismus [...] unsere Hoffnung, unsere Zukunft, unser Ziel nicht sein" könne (105). Statt sich in DDR-Provinzialismus zu üben, solle man sich „für politische Häftlinge in der BRD einsetzen" (103). Auch die 2,5 Millionen Arbeitslosen „in der BRD", allerlei Bürgerkriege in der Welt oder die „militärischen Drohungen der USA gegen Panama und Nikaragua" seien (104) zu beachten. Für manche Gegner der SED war auch eine solche Opposition zum ausreis(s)en!
Aus dem Inhalt:
Rainer Eckert:
Vorwort: Flucht oder Opposition - zwei Seiten des politischen Protestes (7-10)
Günter Jeschonnek:
Ausreise - die SED-Diktatur in der Zwangslage (11-20)
Podiumsdiskussion:
Karl-Heinz Baum / Katrin Hattenhauer / Roland Jahn / Günter Jeschonnek / Fred Kowasch / Reinhard Schult / Wolfgang Templin:
Von Deutschland Ost nach Deutschland West - Oppositionelle oder Verräter? (21-71)
Anhang
Dokumente, Biografien, Auswahlbibliografie: Opposition und Widerstand in der DDR
Henry Krause (HK)
Dipl.-Politologe, Referatsleiter, Sächsische Landeszentrale für politische Bildung, Dresden.
Rubrizierung: 2.314
Empfohlene Zitierweise: Henry Krause, Rezension zu: Uwe Schwabe / Rainer Eckert (Hrsg.): Von Deutschland Ost nach Deutschland West. Leipzig: 2003, in: Portal für Politikwissenschaft, https://www.pw-portal.de/rezension/20548-von-deutschland-ost-nach-deutschland-west_23972, veröffentlicht am 01.01.2006.
Buch-Nr.: 23972
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Dipl.-Politologe, Referatsleiter, Sächsische Landeszentrale für politische Bildung, Dresden.
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