/ 20.06.2013
Philipp Springer
Verbaute Träume. Herrschaft, Stadtentwicklung und Lebensrealität in der sozialistischen Industriestadt Schwedt
Berlin: Ch. Links Verlag 2006 (Forschungen zur DDR-Gesellschaft); 824 S.; brosch., 34,90 €; ISBN 978-3-86153-396-2Diss. TU Berlin; Gutachter: H. Reif; T. Lindenberger. – Vom „Verschwinden der Zukunft“ (782) erzählt Springer am Beispiel von Schwedt. Es ist die Geschichte des Auf- und Abstiegs einer Stadt im Sozialismus zwischen 1958 und 1989: Am Ende des Zweiten Weltkriegs weitgehend zerstört, wurde sie aufgrund einer planwirtschaftlichen Entscheidung zu einem wichtigen Industriestandort vor allem der Erdöl verarbeitenden Industrie. Der Autor beschreibt ausführlich die Ansiedlung der Betriebe und die Planung einer fast neuen Stadt mit großen Wohnkomplexen, aber auch das Leben dort und das städtische Herrschaftssystem. Damit wird die ansonsten in der Forschung oft vernachlässigte Kommunalpolitik in der DDR in das Blickfeld gerückt. Thematisiert werden dabei auch die Bedeutungslosigkeit der Stadtverordneten und die Zensur ihrer Redebeiträge. Zulässig sei einzig die „moderate Benennung von Mängeln“ gewesen, schreibt Springer, „die aber durch das weitere Fortschreiten der sozialistischen Gesellschaft behoben werden würden“ (322). An den Grundfesten des SED-Regimes habe nicht gerüttelt werden dürfen. Dennoch sei gerade auf der kommunalen Ebene die Begründung dafür zu suchen, warum die DDR jahrzehntelang überhaupt habe existieren können – „abgesehen von Mauer, Unterdrückungsapparat und sowjetischen Panzern“ (778). Der Rat der Stadt habe als Moderator zwischen den Anforderungen von oben und der Lebensrealität der Menschen fungiert. In Schwedt sei dies lange relativ einfach gewesen, weil die Stadt einen privilegierten Status innegehabt habe, dort sei es zwar nicht in vielem besser gewesen als anderswo, aber immerhin „weniger schlecht“ (784). Allerdings seien deutliche Stimmen der Bewohner zu vernehmen gewesen, wonach man zwar in Schwedt wohnen, aber nicht leben könne – zu trostlos die Neubauten, zu verfallen die Altstadt. Der sichtbare Niedergang habe dann Anfang der achtziger Jahre eingesetzt, als die Sowjetunion ihre Erdöllieferungen einschränkte. Der Bevölkerungsrückgang habe in dieser einstigen sozialistischen Vorzeigestadt deshalb schon vor 1989 eingesetzt.
Natalie Wohlleben (NW)
Dipl.-Politologin, Redakteurin pw-portal.de.
Rubrizierung: 2.314
Empfohlene Zitierweise: Natalie Wohlleben, Rezension zu: Philipp Springer: Verbaute Träume. Berlin: 2006, in: Portal für Politikwissenschaft, https://www.pw-portal.de/rezension/25794-verbaute-traeume_29941, veröffentlicht am 25.06.2007.
Buch-Nr.: 29941
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