/ 21.06.2013
Rainer Mackensen / Jürgen Reulecke / Josef Ehmer (Hrsg.)
Ursprünge, Arten und Folgen des Konstrukts "Bevölkerung" vor, im und nach dem "Dritten Reich" Aspekte und Erkenntnisse zur Geschichte der deutschen Bevölkerungswissenschaft
Wiesbaden: VS Verlag für Sozialwissenschaften 2009; XII, 428 S.; brosch., 59,90 €; ISBN 978-3-531-16152-5Seit Robert Malthus sich mit den Gesetzen des Bevölkerungswachstums auseinandersetzte und er zu dem Schluss kam, dass die Produktion von Nahrungsmitteln nicht mit dem Wachstum der Bevölkerung Schritt halten könne, ist das Thema „Tragfähigkeit der Erde” ein Schwergewicht unter den wissenschaftlichen Debatten. Das allein ist nicht problematisch; zum Problem wird dieser Sachverhalt dann, wenn sich der Gedanke einschleicht, dass die Erde von den „falschen” Menschen bewohnt wird. Als in den 1890er-Jahren zunehmend rassehygienische Vorstellungen Einzug in die noch junge Bevölkerungswissenschaft hielten, sollte dies der Disziplin einen neuen Charakter verleihen und zugleich eine verhängnisvolle Entwicklung einläuten. Denn aus der Verbindung zwischen empirisch-analytischer Bevölkerungsforschung und pseudowissenschaftlichen Rassenlehren sollte ein Entwicklungsstrang hervorgehen, der im Wechselspiel zwischen Wissenschaft und Politik bald eine prominente Rolle spielen sollte. In diesem Band versuchen die Autoren verschiedene Entwicklungslinien zu rekonstruieren. Der Einleitung über den Gegenstand folgen vier Hauptteile über grundsätzliche Fragen zu Bevölkerungswissenschaft und -politik, über disziplinäre Grenzziehungen, das gegenseitige Abhängigkeitsverhältnis zwischen Wissenschaft und Politik sowie über die Zeit der fachlichen Neuausrichtung nach 1945. Umfang und Qualität der Aufsätze sind unterschiedlich. Während Ursula Ferdinand beispielsweise sehr detailliert über die Herausforderungen des Geburtenrückgangs schreibt, bleibt Rainer Karlschs Beitrag über die demografische Forschung in der DDR der von ihm in der Überschrift angekündigte „Versuch einer Bilanz” (383). Dass sich das Fach nicht allein auf einen biologistischen Strang reduzieren lässt, verdeutlicht die Themenvielfalt, die von der Geschichte der Nettoreproduktionsrate bis hin zur Rolle der Statistik reicht; dass aber die Gefahr besteht, diese Schiene wieder zu fahren, darüber gibt Heike Petermanns Aufsatz über die „biologische Zukunft der Menschheit” (393) einen nachdenklich stimmenden Ausblick.
Michael Vollmer (MV)
M. A., Politikwissenschaftler, wiss. Mitarbeiter, Professur für Politische Theorie und Ideengeschichte, TU Chemnitz.
Rubrizierung: 2.3 | 2.343 | 2.61 | 2.311 | 2.312 | 2.313 | 2.314 | 2.35
Empfohlene Zitierweise: Michael Vollmer, Rezension zu: Rainer Mackensen / Jürgen Reulecke / Josef Ehmer (Hrsg.): Ursprünge, Arten und Folgen des Konstrukts "Bevölkerung" vor, im und nach dem "Dritten Reich" Wiesbaden: 2009, in: Portal für Politikwissenschaft, https://www.pw-portal.de/rezension/30065-urspruenge-arten-und-folgen-des-konstrukts-bevoelkerung-vor-im-und-nach-dem-dritten-reich_35641, veröffentlicht am 08.07.2009.
Buch-Nr.: 35641
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M. A., Politikwissenschaftler, wiss. Mitarbeiter, Professur für Politische Theorie und Ideengeschichte, TU Chemnitz.
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