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/ 20.06.2013
André Steiner (Hrsg.)

Überholen ohne einzuholen. Die DDR-Wirtschaft als Fußnote der deutschen Geschichte?

Berlin: Ch. Links Verlag 2006; 190 S.; brosch., 19,90 €; ISBN 978-3-86153-397-9
Den Autoren ist ein kurzweiliges, äußerst informatives und pointiert formuliertes Buch gelungen – was angesichts des Themas sicher keine Selbstverständlichkeit ist. Aufgezeigt wird, dass die DDR-Wirtschaft keine zu vernachlässigende Fußnote der gesamtdeutschen Wirtschaftsgeschichte ist, sondern als Fallstudie wichtige Hinweise auf historische Entwicklungslinien (und ihre Unterbrechung in der DDR) und damit auch auf den Erfolg oder Misserfolg einer Volkswirtschaft liefert. Ein Ausgangspunkt der Betrachtung ist die Feststellung, dass der Sozialismus „im theoretischen Substrat der liberalen Ökonomie verankert ist“ (Hajo Riese, 43) und die Wirtschaftstheorie der DDR dementsprechend als antimarxistisch zu definieren sei. Die Wirtschaft des deutschen Teilstaates entpuppt sich aus dieser Perspektive „als ein planwirtschaftliches Abbild der klassisch-liberalen Auffassung vom Kapitalismus“ (Hajo Riese, 36). Die weiteren Analysen zur Beschäftigungspolitik, den Arbeitsbeziehungen in der Industrie, zum Außenhandel oder zur Technikentwicklung zeigen das zwangsläufige Scheitern einer Wirtschaft, die unter den Primat der Politik gestellt worden war. Die unter Honecker gepriesene „Einheit von Wirtschafts- und Sozialpolitik“ sei ein fehlgeschlagener Versuch zur Systemlegitimation gewesen, zur Realität geronnen als eine auf Dauer unbezahlbare „Einheit von Wohlfahrtsstaat und Polizeistaat“ (139), so Manfred G. Schmidt. Die Autoren beschreiben schlüssig, warum die zuvor jahrzehntelang von der Sowjetunion subventionierte DDR-Wirtschaft mit der Öffnung der Mauer endgültig kollabieren musste: Mit ihrer Wirtschaftspolitik hatte die SED nicht nur eine verdeckte Arbeitslosigkeit kaschiert. Sie führte „am Ende zu einem derart verschlissenen volkswirtschaftlichen Sachkapitalstock in diesem Land wie vermutlich zu keinem anderen Zeitpunkt der modernen deutschen Geschichte“ (Christoph Buchheim, 103). Die Beiträge gehen auf eine Tagung am Zentrum für Zeithistorische Forschung in Potsdam zurück.
Natalie Wohlleben (NW)
Dipl.-Politologin, Redakteurin pw-portal.de.
Rubrizierung: 2.314 Empfohlene Zitierweise: Natalie Wohlleben, Rezension zu: André Steiner (Hrsg.): Überholen ohne einzuholen. Berlin: 2006, in: Portal für Politikwissenschaft, https://www.pw-portal.de/rezension/25795-ueberholen-ohne-einzuholen_29942, veröffentlicht am 25.06.2007. Buch-Nr.: 29942 Inhaltsverzeichnis Rezension drucken
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