/ 20.06.2013
Alexander Nützenadel
Stunde der Ökonomen. Wissenschaft, Politik und Expertenkultur in der Bundesrepublik 1949-1974
Göttingen: Vandenhoeck & Ruprecht 2005 (Kritische Studien zur Geschichtswissenschaft 166); 427 S.; kart., 49,90 €; ISBN 3-525-35149-6Habilitationsschrift Köln; Gutachter: W. Schieder. – Der Autor untersucht die Wechselwirkungen zwischen Volkswirtschaftslehre und politischer Praxis in der Bundesrepublik Deutschland. Im Mittelpunkt steht die Entwicklung in den 60er-Jahren – laut Nützenadel eine Zeit, in der „das szientistische Planungs- und Reformdenken fast alle gesellschaftlichen und politischen Handlungsfelder“ (15) prägte. Im ersten Teil werden die Veränderungen innerhalb der Volkswirtschaftlehre seit 1945 skizziert. Der Schwerpunkt liegt dabei auf den Auseinandersetzungen zwischen verschiedenen wissenschaftlichen Schulen. Spätestens Mitte der 50er-Jahre geriet die bundesdeutsche Volkswirtschaftlehre „zunehmend unter den Einfluss angloamerikanischer Wirtschaftstheorie. [...] Die Arbeiten mit komplexen makroökonomischen Modellen, [...] die Durchsetzung mathematischer und quantifizierender Methoden und die Etablierung ökonometrischer Prognoseverfahren bedeuteten einen radikalen Bruch“ (62). Es gelingt dem Autor eindrucksvoll aufzuzeigen, inwiefern diese „wissenschaftliche Revolution“ Einfluss auf die praktische Politik nahm. So untersucht er im zweiten Teil die historische Entwicklung der (wirtschafts-)wissenschaftlichen Politikberatung. Im dritten Abschnitt befasst er sich mit den Auswirkungen internationaler Veränderungen wie der Entwicklung der sozialistischen Planwirtschaft und der europäischen Integration auf Wissenschaft und Politik in den Nachkriegsjahrzehnten. Der vierte Teil enthält eine Politikfeldanalyse zur Implementierung der Wachstums- und Stabilitätspolitik in den 60er-Jahren. Nützenadels Arbeit hat ihren Wert nicht nur als historische Studie, sondern auch als Vergleichsmaßstab für moderne Entwicklungen der wissenschaftlichen Politikberatung. Insofern bleibt zu fragen, inwiefern das aufgezeigte Planungsparadigma heute durch einen wissenschaftlich induzierten Trend zur Deregulierung ersetzt wird.
Markus Linden (LIN)
Dr., Politikwissenschaftler, wiss. Mitarbeiter, SFB 600 - Teilprojekt C7 "Die politische Repräsentation von Fremden und Armen", Universität Trier.
Rubrizierung: 2.3 | 2.313 | 2.342 | 2.331 | 2.314
Empfohlene Zitierweise: Markus Linden, Rezension zu: Alexander Nützenadel: Stunde der Ökonomen. Göttingen: 2005, in: Portal für Politikwissenschaft, https://www.pw-portal.de/rezension/24697-stunde-der-oekonomen_28536, veröffentlicht am 25.06.2007.
Buch-Nr.: 28536
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Dr., Politikwissenschaftler, wiss. Mitarbeiter, SFB 600 - Teilprojekt C7 "Die politische Repräsentation von Fremden und Armen", Universität Trier.
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