/ 20.06.2013
Joachim Klose (Hrsg.)
Ohnmacht der Studentenräte? Wolfgang Natonek und die Studentenräte nach 1945 an der Universität Leipzig
Leipzig: Leipziger Universitätsverlag 2010 (Belter Dialoge 2); 120 S.; brosch., 19,- €; ISBN 978-3-86583-542-0Die politische Rolle der Studierenden steht im Mittelpunkt dieser zweiten Belter Dialoge. Der Namensgeber, Herbert Belter, hatte 1949/50 mit Kommilitonen an der Universität Leipzig gegen die SED protestiert, wurde verhaftet und erschossen. Ziel dieser Dialoge ist nun, so der Herausgeber, einen Beitrag zur Aufarbeitung der SED‑Vergangenheit zu leisten und die demokratischen Werte zu stärken. Bei dieser zweiten Veranstaltung der Reihe wird dieser Gedanke mit einer Würdigung von Wolfgang Natonek aufgegriffen. Dieser war 1947 in freier Abstimmung zum Vorsitzenden des Leipziger Studentenrates gewählt worden. Deutlich wird in den Beiträgen, dass bereits in dieser unmittelbaren Nachkriegszeit die Repression das politische Geschehen bestimmte – die FDJ weigerte sich, das Wahlergebnis zu akzeptieren. Natonek wurde 1947 unter einem Vorwand verhaftet und zu 25 Jahren Zwangsarbeit verurteilt. Nach seiner Haftentlassung 1956 erhielt er, dessen jüdischer Vater vor den Nationalsozialisten hatte fliehen müssen, nur einen Pass für Staatenlose. Natonek flüchtete mit seiner Frau in den Westen, beendete sein Studium und wurde Lehrer für Deutsch und Geschichte. Auf diesen Beitrag, mit dem Günter Kröber die Politik des Regimes an einer einzelnen Person illustriert, folgt eine breiter angelegte Darstellung der Studentenräte. Nach diesen Schilderungen der gescheiterten Versuche, politisch frei zu agieren, wird sich mit drei weiteren Beiträgen der Gegenwart zugewandt. Bastian Lindert schreibt über Konstituierung und Arbeit des Leipziger StudentInnenrats seit 1989, Siegfried Gehrmann fragt nach den politischen Erwartungen der nächsten Akademikergeneration vor dem Hintergrund des Bologna‑Prozesses. Er stellt fest, dass durch die „europäische[.] Dimensionierung von Bildung und Ausbildung kein politisches Engagement der Studierenden entsteht“. Zwar protestiert man noch an der eigenen Universität etwa gegen eine Erhöhung von Studiengebühren. Aber die „europäischen Grundlagen universitärer Bildung und Ausbildung sind für die Studenten politisch nicht unmittelbar handlungsrelevant“ (97). Klaus Dicke rechnet vor, dass in Thüringen nur unter fünf Prozent der Studierenden politisch aktiv sind. Es sei wohl „ein Gefühl relativer Zufriedenheit mit den Dingen weit verbreitet“ (111). Ohne dies zu werten schreibt er, dass noch ein langer Weg vor den Universitäten liege, bis der politische Bildungsauftrag in den neuen Studiengängen des Bologna‑Formats umgesetzt sei.
Natalie Wohlleben (NW)
Dipl.-Politologin, Redakteurin pw-portal.de.
Rubrizierung: 2.3 | 2.314 | 2.315 | 2.331 | 2.343
Empfohlene Zitierweise: Natalie Wohlleben, Rezension zu: Joachim Klose (Hrsg.): Ohnmacht der Studentenräte? Leipzig: 2010, in: Portal für Politikwissenschaft, https://www.pw-portal.de/rezension/21740-ohnmacht-der-studentenraete_40358, veröffentlicht am 28.07.2011.
Buch-Nr.: 40358
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