/ 17.06.2013
Gerald A. Cohen
Gleichheit ohne Gleichgültigkeit. Politische Philosophie und individuelles Verhalten. Aus dem Englischen von Michael Haupt
Hamburg: Rotbuch Verlag 2001 (Rotbuch Rationen); 330 S.; brosch., 23,52 €; ISBN 3-434-53094-0Hier liegt die Übersetzung des englischen Originals "If You're an Egalitarian, How Come You're So Rich?" (erschienen 2000) vor, bei dem es sich um überarbeitete Vorträge handelt, die Cohen 1996 an der Universität von Edinburgh gehalten hat. Die Einheit des Buches wird eher durch eine einheitliche Perspektive denn durch ein Thema gewahrt. Die eigene Perspektive aufzuhellen, ist Gegenstand der ersten beiden Kapitel. Das erste fragt ganz allgemein nach der Umweltabhängigkeit von Überzeugungen: oft sind Umstände statt guter Gründe für den eigenen Standpunkt entscheidend. Im zweiten Kapitel erzählt Cohen vom Anfang seiner eigenen Überzeugungen in einer jüdisch-kommunistischen und antireligiösen Erziehung in Montreal. Die Kapitel drei bis sechs behandeln verschiedene Themen im Hinblick auf die Vorstellung des Marxismus, die sozialistische Revolution sei gesetzmäßig vorherbestimmt und eine entsprechende politische Praxis könne zur Geburtshelferin werden: "In dem Maße, wie sich das Problem [des Kapitalismus] vertieft, zeichnet sich seine Lösung ab, während und weil sich das Problem vertieft." (96) Diese Überzeugung wird in Anlehnung an Hegels Kritik der Mathematik ausführlich im vierten Kapitel dargelegt, nachdem das dritte Kapitel eine Einführung in den Marxismus anhand Lenins "Drei Quellen" bietet und einen Zusammenhang zum Übergang vom utopischen zum wissenschaftlichen Sozialismus herstellt. Kapitel fünf diskutiert dann die Aussage von der Religion als Opium des Volkes (unter Berücksichtigung Hegels und Feuerbachs) und Kapitel sechs stellt fest, dass es das Proletariat im klassisch-marxistischen Sinn nicht mehr gibt. Mindestens deshalb sei die klassisch-marxistische These von der gesetzmäßigen Abfolge der Gesellschaftsstufen nicht mehr aufrechtzuerhalten. Insofern sei ein utopischer Sozialismus unumgänglich, allerdings einer, der einige Angriffsflächen für die Kritik von Marx und Engels vermeidet. Die Kapitel acht bis zehn (das siebte ist leer) verfolgen die These, "daß es zur Überwindung der Ungleichheit eine Revolution in den Gefühlen oder der Motivation geben muß, im Gegensatz zur (bloßen) Revolution der ökonomischen Struktur" (176). Insofern Cohen diesen Gedanken anhand einer Kritik der Anwendung des Differenzprinzips von Rawls in der Anreizargumentation entwickelt (Kapitel acht), muss man hinzufügen, dass auch die politische Struktur nicht hinreichend für eine Beseitigung der Ungleichheit ist: Nach Cohen darf man Gerechtigkeitsprinzipien plausiblerweise nicht auf eine Grundstruktur beschränken. Das zehnte und letzte Kapitel wägt Argumente für den Standpunkt und die Lebenshaltung ab, die man vorschnell als zynisch verurteilen könnte: dass man nämlich nicht der eigenen (egalitären) Überzeugung gemäß handelt in einer Welt, in der die eigene Überzeugung nicht beachtet wird. Cohen besticht wie so oft durch seine anregenden Beobachtungen und punktgenaue Kritik im Detail, immer in stringenter Argumentation vorgetragen. Deshalb wird er im englischsprachigen Raum ge- und beachtet. Dass die Gedanken sozialistischer Stoßrichtung sind, macht sie umso interessanter, weil sie zumeist herausfordernd wirken dürften.
Guido Koch (GK)
Dr., Politikwissenschaftler, Qualitätsmanagment, GESIS - Leibniz-Institut für Sozialwissenschaften.
Rubrizierung: 5.42
Empfohlene Zitierweise: Guido Koch, Rezension zu: Gerald A. Cohen: Gleichheit ohne Gleichgültigkeit. Hamburg: 2001, in: Portal für Politikwissenschaft, https://www.pw-portal.de/rezension/15668-gleichheit-ohne-gleichgueltigkeit_17865, veröffentlicht am 01.01.2006.
Buch-Nr.: 17865
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Dr., Politikwissenschaftler, Qualitätsmanagment, GESIS - Leibniz-Institut für Sozialwissenschaften.
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