/ 22.06.2013
Tristram Hunt
Friedrich Engels. Der Mann, der den Marxismus erfand. Aus dem Englischen von Klaus-Dieter Schmidt
Berlin: Propyläen Verlag 2012; 575 S.; geb., 24,99 €; ISBN 978-3-549-07378-0Zwei Jahre arbeitete Friedrich Engels nach dem Tod seines Freundes Karl Marx alleine daran, „die unzähligen Korrekturen, statistischen Diagramme, unterbrochenen Gedankengänge und unverständlichen Notizen zusammenzutragen und zu entziffern, um daraus den zweiten Band des Kapitals“ (401) zu formen. Die dabei chronisch gewordene Bindehautentzündung wusste er zu bekämpfen: „Ich habe voriges Jahr und letzten August Kokain gebraucht und, da dies schwächer wirkte (wegen Angewöhnung), ZnCl2, das sehr gut wirkt“ (402). Diese Episode ist eine von vielen, mit denen Hunt, Professor für Neuere Geschichte an der Universität London, Engels Einsatz für seinen Freund und die gemeinsam entwickelte Theorie illustriert – als Finanzier und Ideengeber, vor allem aber auch als jemand, der den Marxismus in verständlichen Schriften popularisierte. In dieser überaus gelungenen Biografie entwirft der Historiker ein historisches Panorama, in dem die vielschichtige Entwicklung des Sozialismus als Konsequenz der einsetzenden Industrialisierung ebenso plausibel wie Engels als Mensch verständlich wird. Man lernt seine persönlichen wie politischen Stärken kennen – der wohlhabende Sohn eines Fabrikanten fütterte Marx und dessen Familie inklusive der Schwiegersöhne über Jahrzehnte hin durch und war „als Einziger imstande, die kommunistischen Parteien Europas zu einen“ (448) – und seine Schwächen. Dazu könnte gezählt werden, dass es ihn zwar belastete, sein „Einkommen direkt aus der Ausbeutung des Proletariats von Manchester“ (257) zu beziehen, er das Geld aber dennoch nahm. Oder dass er lange die slawischen Völker gering schätzte, ethnischen Säuberungen das Wort redete und dem Freiheitskampf der Iren nichts abgewinnen konnte. Allerdings stellt Hunt Engels als einen Menschen vor, der geistig beweglich blieb und bereit war, seine Meinung ins Gegenteil zu ändern. Engels und Marx verstanden ihre Theorie nicht als Doktrin, sondern als Methode, betont Hunt. Eine Verantwortung Engels für die in seinem Namen lange nach seinem Tod verübten Verbrechen hält er für abwegig. In „krassem Gegensatz zur schamlosen Unmenschlichkeit des Marxismus-Leninismus“ sei Engels gut zu den Menschen gewesen, das Ziel des Klassenkampfes sollte „das Absterben des Staates, die Befreiung der Menschheit und ein Arbeiterparadies der menschlichen Erfüllung und sexuellen Freizügigkeit“ (485 f.) sein. Gegen Ende seines Lebens habe Engels zudem „den friedlichen, demokratischen Weg zum Sozialismus über Wahlurnen der Errichtung von Barrikaden vorgezogen haben, auch wenn er das Aufstandsrecht stets verteidigte“ (482).
Natalie Wohlleben (NW)
Dipl.-Politologin, Redakteurin pw-portal.de.
Rubrizierung: 5.33 | 2.3 | 1.3
Empfohlene Zitierweise: Natalie Wohlleben, Rezension zu: Tristram Hunt: Friedrich Engels. Berlin: 2012, in: Portal für Politikwissenschaft, https://www.pw-portal.de/rezension/35017-friedrich-engels_42134, veröffentlicht am 19.04.2012.
Buch-Nr.: 42134
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