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/ 22.06.2013
Angelika Ebbinghaus

Ein anderer Kompass. Soziale Bewegungen und Geschichtsschreibung. Texte 1969-2009. Hrsg. von der Stiftung für Sozialgeschichte des 20. Jahrhunderts

Berlin: Assoziation A 2010; 334 S.; 20,- €; ISBN 978-3-935936-95-8
Angelika Ebbinghaus ist eine engagierte Psychotherapeutin, Historikerin und Feministin. Sie befasst sich in den in diesem Band versammelten originellen Studien mit Themen wie dem Operaismus, dem Taylorismus, mit Frauen als Opfer und Täterinnen in der NS-Diktatur, aber auch mit dem Widerstand. Zu letzterem Thema gehört ihr hoch interessanter E-Mail-Verkehr mit Freya von Moltke. Aus den Schilderungen der Witwe Helmuth von Moltkes wird deutlich, dass man sich den Kreisauer Kreis und sein Umfeld nicht als homogene Gruppe denken darf. Entscheidend waren hier die Unterschiede der jüngeren und der älteren Generation. So habe Helmuth von Moltke die Vorstellungen Carl Goerdelers über eine deutsche Vormachtstellung auch nach dem Krieg „kopfschüttelnd“ (154) quittiert, so die Witwe. Der Kern der jüngeren Kreisauer hingegen stand von Anfang an dem NS-Regime kritisch gegenüber. Ebbinghaus spricht von einer Sonderstellung innerhalb der bürgerlichen Opposition, denn die Diskussionskultur und das „radikal-demokratische Denken“ waren „eher ungewöhnlich“ (155). Moltke nennt als Einflüsse auf das Denken ihres Mannes eine bunte Mischung aus Spinoza, Eugen Rosenstock-Huessy, dem Großvater Sir James Rose Innes, aber auch aus dem Freiherrn von Stein und der „Hochschätzung des Sozialismus“ (156). Die Überzeugung der Kreisauer bereits 1933, dass der Nationalstaat überwunden werden müsse, kommentiert Freya von Moltke schlicht: dies sei ja doch ein Zeichen unserer Zeit. In einem anderen Text fragt die Autorin, ob es ein globales 1968 gab. In Anlehnung an Etienne François bejaht sie dies mit dem Bild der „pluralen Einheit“ (102), bei der die Gemeinsamkeiten der Entwicklungen in Europa, den USA, Afrika, Asien und Lateinamerika die Unterschiede überwiegen. Als strukturelle Ursachen benennt sie einerseits die Wohlstandsmehrung der Epoche. Im Anschluss an ökonomische Wachstumsphasen habe es „immer wieder große internationale Streikwellen im Weltmaßstab“ (104) gegeben. Andererseits sei die Bildungsexpansion von Bedeutung, durch sie wuchs auch der gesellschaftliche und politische Einfluss der Studierenden und Schüler.
Timo Lüth (TIL)
Student, Institut für Politische Wissenschaft, Universität Hamburg.
Rubrizierung: 2.352.3312.362.3122.62 Empfohlene Zitierweise: Timo Lüth, Rezension zu: Angelika Ebbinghaus: Ein anderer Kompass. Berlin: 2010, in: Portal für Politikwissenschaft, https://www.pw-portal.de/rezension/32993-ein-anderer-kompass_39409, veröffentlicht am 30.11.2010. Buch-Nr.: 39409 Inhaltsverzeichnis Rezension drucken
CC-BY-NC-SA