/ 20.06.2013
Manfred Wilke
Die Streikbrecherzentrale. Der Freie Deutsche Gewerkschaftsbund (FDGB) und der 17. Juni 1953
Münster: Lit 2004 (Diktatur und Widerstand 8); XV, 306 S.; brosch., 29,90 €; ISBN 3-8258-7775-2In der SED musste man nach dem 17. Juni 1953 feststellen, dass sich die „Masse der Gewerkschaftsmitglieder und ehrenamtlichen Betriebsfunktionäre“ (1) an den Streiks beteiligt hatten – die nach offizieller Lesart keine gewesen waren, sondern ein Anschlag westlicher Faschisten. Warum aber hatte die Einheitsgewerkschaft, der FDGB, es nicht geschafft, aus seinen Mitgliedern treue Volksgenossen zu machen? Wilke beschreibt zuerst, wie der FDGB schon vor 1953 politisch marginalisiert worden war: Die Aushandlung des Lohns sei längst keine Angelegenheit der Gewerkschaft mehr gewesen, dieser sei in einem Wirtschaftsplan „von oben“ festgelegt worden. Zudem habe der FDGB auf ein Streikrecht de facto verzichtet und sich zum Erfüllungsgehilfen der SED gemacht. Die Analyse des FDGB als Streikbrecherzentrale beginnt der Autor mit einem Dokument, das so etwas wie eine letzte Warnung an die SED war: Der FDGB-Vorstand beschrieb in einem Memorandum die Unzufriedenheit der Arbeiter, die seit dem 2. Juni ohne Lohnerhöhung mehr arbeiten sollten. Die Warnung sei ungehört verhallt. Wilke zeigt den weiteren Verlauf und das Ausmaß der Streiks in den Tagen vor und nach dem 17. Juni dann anhand zahlreicher in den Text eingefügter Dokumente. Nach dem Ausbruch der Krise hätten die hauptamtlichen FDGB-Funktionäre keinen Zweifel daran gelassen, „dass ein Kompromiß mit den Interessen der streikenden Mitglieder außerhalb ihres ideologischen Selbstverständnisses als kommunistische Kader lag“ (290). Anschließend habe der FDGB gemeldet, wer noch wann und wo streikte und sich wieder daran gemacht, die Arbeiter zu disziplinieren – wer seinen Gewerkschaftsbeitrag nicht mehr zahle, so die Drohung, könne auch nicht mehr in einem der Ferienheime urlauben. Der FDGB war damit, so Wilkes Fazit, bei seiner eigentlichen Rolle angekommen – als Sozialversicherungs- und Feriendienst der DDR. Um die Überwachung der Bevölkerung, auf deren freiwillige Mitarbeit am Sozialismus offensichtlich kein Verlass gewesen sei, habe sich fortan das Ministerium für Staatssicherheit gekümmert.
Natalie Wohlleben (NW)
Dipl.-Politologin, Redakteurin pw-portal.de.
Rubrizierung: 2.314
Empfohlene Zitierweise: Natalie Wohlleben, Rezension zu: Manfred Wilke: Die Streikbrecherzentrale. Münster: 2004, in: Portal für Politikwissenschaft, https://www.pw-portal.de/rezension/23117-die-streikbrecherzentrale_26454, veröffentlicht am 25.06.2007.
Buch-Nr.: 26454
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