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/ 20.06.2013
Boris Groys / Michael Hagemeister (Hrsg.)

Die Neue Menschheit. Biopolitische Utopien in Russland zu Beginn des 20. Jahrhunderts. Kommentare von Michael Hagemeister. Aus dem Russischen von Dagmar Kassek

Frankfurt a. M.: Suhrkamp 2005 (suhrkamp taschenbuch wissenschaft 1763); 689 S.; 20,- €; ISBN 978-3-518-29363-8
„Die biopolitischen Utopien haben viel größere Kreise der russischen Intellektuellen und Künstler mit der Sowjetmacht versöhnt, als der Marxismus als solcher es je vermochte“ (9), schreibt Groys (siehe auch die Bände „Am Nullpunkt“ und „Zurück aus der Zukunft“ - ebenfalls in dieser Rubrik). Der Sozialismus habe zwar die vollendete soziale Gerechtigkeit versprochen, verbunden mit dem Glauben an den Fortschritt. In den Genuss dieser Gerechtigkeit sollten die künftigen Generationen allerdings „nur um den Preis der zynischen Akzeptanz einer himmelschreienden historischen Ungerechtigkeit“ (10) kommen: Die Lebenden sollten zugunsten der später Lebenden ausgebeutet werden. Auf diesen Widerspruch reagierten russische Theoretiker bereits vor der Oktoberrevolution. So entwickelte der 1903 verstorbene Nikolaj Fedorov eine „Philosophie der gemeinsamen Tat“. Er forderte die Schaffung von „technologischen, sozialen und politischen Bedingungen, unter denen es möglich ist, alle Menschen, die je gelebt haben, auf technische, künstliche Weise wiederauferstehen zu lassen“ (9). Die anarchistische Gruppe „Biokosmisten“ gab sich 1922 ebenfalls nicht mit der Abschaffung des privaten Eigentums zufrieden. Der Staat sollte als totale Biomacht auch Raum und Zeit kollektivieren, man forderte das „Recht auf die Bewegungsfreiheit im kosmischen Raum“ (25). Einige der Utopien bildeten die Ausgangspunkte wissenschaftlicher und technischer Programme, so berief sich die spätere sowjetische Raumfahrt auf die utopische Raketenforschung von Konstantin Ciolkovskij. „Im Rückblick wird erkennbar, wie totalitäre Heilslehren zu geschichtlicher Mächtigkeit gelangt sind“ (65), schreibt Hagemeister, Professor für die Geschichte Osteuropas in Franfurt/Oder, in seiner ausführlichen Erläuterung der in diesem Band abgedruckten utopischen Schriften. Die letzten Ziele dieser von Fortschritts- und Erlösungsglauben geprägten Utopien seien die Bezwingung der Natur und die Überwindung des Todes gewesen – mit den bekannten terroristischen Konsequenzen.
Natalie Wohlleben (NW)
Dipl.-Politologin, Redakteurin pw-portal.de.
Rubrizierung: 2.225.422.625.43 Empfohlene Zitierweise: Natalie Wohlleben, Rezension zu: Boris Groys / Michael Hagemeister (Hrsg.): Die Neue Menschheit. Frankfurt a. M.: 2005, in: Portal für Politikwissenschaft, https://www.pw-portal.de/rezension/25209-die-neue-menschheit_29190, veröffentlicht am 25.06.2007. Buch-Nr.: 29190 Inhaltsverzeichnis Rezension drucken
CC-BY-NC-SA