Skip to main content
/ 22.06.2013
Thomas Großbölting / Raj Kollmorgen / Sascha Möbius / Rüdiger Schmidt (Hrsg.)

Das Ende des Kommunismus. Die Überwindung der Diktaturen in Europa und ihre Folgen

Essen: Klartext 2010; 213 S.; brosch., 22,95 €; ISBN 978-3-8375-0306-7
„Die so genannte ‚Ostalgie‘ hat nur wenig mit dem tatsächlichen Leben in der DDR zu tun, sie führt aber dazu, dass die Erinnerungen vieler Ostdeutscher mit dem Totalitarismuskonzept, das die Brutalität und die Nöte des Lebens in der Diktatur betont, unvereinbar sind” (40), schreibt Thomas Schaarschmidt. Er spürt in seinem Beitrag im ersten Teil des Tagungsbandes, in dem es um die Erinnerung an die Diktaturen in der DDR und der Sowjetunion geht, dem antitotalitären Grundkonsens nach, der – ähnlich wie in der alten Bundesrepublik – die gemeinsame Perspektive auf die Vergangenheit bestimmt (oder bestimmen sollte). Während aber im Westen vor 1989 sich ein Konsens über NS-Vergangenheit herausgebildet habe, fehle diese Verdichtung noch im Rückblick auf die DDR. Bisher sei der neue antitotalitäre Grundkonsens „eine Kompromissformel der politischen Eliten” (40). Auch die anderen Beiträge sind historisch am Übergang von der Selbstdeutung der Akteure zu den öffentlichen Deutungsversuchen angesiedelt. Den persönlichen Blick der Ostdeutschen zurück beschreibt Sabine Kittel auf der Basis von biografischen Interviews und konstatiert dabei eine Rückbesinnung auf damals vermeintlich bessere Verhältnisse. Thomas Großbölting zieht eine zwiespältige Bilanz der Beschäftigung mit der Vergangenheit durch Wissenschaft und Öffentlichkeit – am Beispiel der Enquete-Kommissionen stellt er fest, dass aktuelle Wert- und Moralvorstellungen zurückprojiziert werden. Im zweiten Teil stehen Transformation und Opposition im Mittelpunkt. Hervorzuheben ist die Feststellung von Mathias Tullner, dass in den anderen osteuropäischen Ländern weite Teile der Opposition den Sozialismus ablehnten und sich auf eigene Traditionen beriefen. In der DDR dagegen sei 1989 kaum Bezug auf den 17. Juni 1953 genommen worden. Sascha Möbius erläutert, dass z. B. die Opposition in Magdeburg 1969/70 als marxistische Gruppe begann und sich links-alternativ weiterentwickelte. Zentrale Themen waren die Versorgungslage, die ökologische Situation und die Militarisierung der Gesellschaft – aber nicht die Wiedervereinigung. Und so geschah diese schließlich als exogene Top-down-Transformation, erläutert Raj Kollmorgen, die insofern erfolgreich gescheitert ist, da es einen Spielraum für die Aneignung von unten gegeben hat. Entstanden ist dennoch aber nur ein Transfer-Wohlfahrtsstaat ohne selbsttragendes Wachstum.
Natalie Wohlleben (NW)
Dipl.-Politologin, Redakteurin pw-portal.de.
Rubrizierung: 2.22.222.352.232.3142.612.622.25 Empfohlene Zitierweise: Natalie Wohlleben, Rezension zu: Thomas Großbölting / Raj Kollmorgen / Sascha Möbius / Rüdiger Schmidt (Hrsg.): Das Ende des Kommunismus. Essen: 2010, in: Portal für Politikwissenschaft, https://www.pw-portal.de/rezension/32157-das-ende-des-kommunismus_38355, veröffentlicht am 30.11.2010. Buch-Nr.: 38355 Inhaltsverzeichnis Rezension drucken
CC-BY-NC-SA