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/ 21.06.2013
Hans-Jochen Tschiche

Boykottnest. Die Evangelische Akademie Sachsen-Anhalt im Visier der DDR-Staatsmacht. Hrsg. von dem Landesbeauftragten für die Unterlagen des Staatssicherheitsdienstes der ehemaligen Deutschen Demokratischen Republik

Halle (Saale): Mitteldeutscher Verlag 2008 (Schriftenreihe Band 63); 159 S.; 10,- €; ISBN 978-3-89812-574-1
Die „Basis der inoffiziellen Mitarbeiter in der Kirche war so schmal“, lästert Tschiche, dass man „sich um jeden nur denkbaren Kandidaten bemühte“ (99). 80 Decknamen tauchten aber dennoch im Umfeld der 1948 gegründeten Evangelischen Akademie in Magdeburg auf, 36 sind mittlerweile entschlüsselt. Zu ihnen gehören Stasi-Spitzel, die noch heute unbehelligt sind, und solche, die sich als unergiebige Informationsquellen entpuppten oder sich gar frühzeitig offenbarten, um sich dem Konflikt zwischen Staatsmacht und Kirche zu entziehen. Dieser Konflikt steht im Mittelpunkt des Bandes, erzählt am Beispiel der Akademie, deren langjähriger Leiter Tschiche bis 1990 war. Er wechselte dann in die Politik, war Gründungsmitglied des Neuen Forums, wurde Mitglied des Landtages von Sachsen-Anhalt, Fraktionsvorsitzender von Bündnis 90/Die Grünen und ist heute der Ehrenvorsitzende des Landesverbandes. Die Evangelische Akademie war in der Nachkriegszeit als Tagungs- und Gesprächsforum gegründet worden und stand als kirchliche Einrichtung von Anbeginn in der Kritik der SED, die mit ihrer Ideologie allein die Welt erklären wollte. Diese misstrauische Haltung habe sich auch nicht geändert, schreibt Tschiche, nachdem die Kirche offiziell die DDR und den Sozialismus als gegeben akzeptiert habe. Es seien nur einige unbehelligte Jahre der Akademie-Arbeit gefolgt. Ständiger Streitpunkt mit der Staatsmacht seien aber die Veranstaltungen geblieben, die thematisch nicht auf einen engen religiösen Rahmen begrenzt gewesen seien. Für Lesungen mit Schriftstellern seien Ordnungsstrafen verhängt worden – die er nicht bezahlt habe, wie Tschiche stolz bemerkt. Insgesamt lebt die Darstellung, die nicht nur mit Regimekritik, sondern auch mit kirchenkritischen Anmerkungen gespickt ist, von der persönlichen Perspektive, aus der Tschiche erzählt.
Natalie Wohlleben (NW)
Dipl.-Politologin, Redakteurin pw-portal.de.
Rubrizierung: 2.314 Empfohlene Zitierweise: Natalie Wohlleben, Rezension zu: Hans-Jochen Tschiche: Boykottnest. Halle (Saale): 2008, in: Portal für Politikwissenschaft, https://www.pw-portal.de/rezension/29710-boykottnest_35184, veröffentlicht am 25.11.2008. Buch-Nr.: 35184 Inhaltsverzeichnis Rezension drucken
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