Autorität unter Vorbehalt: Akademische Militärexpertise und öffentliche Urteilsbildung
Seit Russlands Vollinvasion der Ukraine ist akademische Militärexpertise zu einer prägenden Instanz öffentlicher Urteilsbildung geworden. Am Beispiel von Sönke Neitzel, Herfried Münkler, Claudia Major und Carlo Masala untersucht Stefan Messingschlager, wie wissenschaftliche Sachkunde unter medialen Bedingungen öffentliche Autorität gewinnt und woran sich deren Qualität bemisst. Der Essay zeigt, dass belastbare Expertise Ungewissheit nicht beseitigt, sondern diszipliniert bearbeitet.
Ein Debattenbeitrag von Stefan Messingschlager
Im Herbst 2022 zeichnete der Potsdamer Militärhistoriker Sönke Neitzel ein verheerendes Bild der deutschen sicherheitspolitischen Kultur: Deutschland habe „völlig verlernt, Kriege zu lesen“. Die Formel zielte auf eine doppelte Marginalisierung: die des Militärischen im politischen Denken und öffentlichen Diskurs und insbesondere die des Krieges als Gegenstand sozialwissenschaftlicher Forschung. An die Öffentlichkeit gerichtet markierte Neitzel zugleich die Grenze prognostischer Gewissheit: „Wir wissen alle nicht, wie sich die Lage entwickelt“[1], formulierte er mit Blick auf den Krieg in der Ukraine – und verlieh gerade in der Verbindung von Mangeldiagnose und epistemischer Selbstbegrenzung dem zentralen Dilemma Ausdruck: Nur ein kleiner Kreis von Wissenschaftler*innen befasst sich kontinuierlich mit Krieg und Militär – und soll in der Krise nicht nur erklären, was geschieht, sondern auch beurteilen, wie es weitergehen könnte.
Es war Russlands Vollinvasion der Ukraine im Februar 2022, die die europäische Sicherheitsordnung und zentrale deutsche Leitvorstellungen nachhaltig erschütterte: kooperative Sicherheit mit Russland, Frieden durch wirtschaftliche Verflechtung und militärische Macht als politischer Ausnahmefall.[2] Seit der „Zeitenwende“ müssen die Grundlagen deutscher und europäischer Sicherheit neu bestimmt werden; fachliche Einschätzungen strategischer Fragen und militärischer Entwicklungen sind damit zu einer wichtigen Ressource öffentlicher Orientierung geworden.[3]
Die Sozialfigur des akademischen Militärexperten beziehungsweise der akademischen Militärexpertin war geboren: als spezifisches Rollen- und Erwartungsmuster, in dem wissenschaftliches Ansehen, mediale Logiken und politischer Orientierungsbedarf zusammentreffen. Öffentliche Autorität entsteht dabei im Zusammenspiel von fachlicher Qualifikation, medialer Vermittlungsfähigkeit und öffentlichem Vertrauen. Expertise ist insofern vor allem eine relationale Zuschreibung, die diskursiv hergestellt, anerkannt und bestritten wird.[4]
Aus dieser Perspektive bemisst sich öffentliche Expertise nicht daran, ob sie Ungewissheit beseitigt – das kann sie nicht –, sondern daran, wie diszipliniert sie mit ihr umgeht. Belastbar ist sie, wenn sie Befund, Annahme, Möglichkeit und Wertung trennt, Rollenwechsel markiert und Revisionsbedingungen benennt. Der Essay verfolgt diese epistemischen Friktionen an drei Schwellen: von Sachkunde zu öffentlicher Autorität, von Analyse zu politischer Empfehlung und von Gegenwartsdeutung zur Prognostik.
Wie Sachkunde Autorität gewinnt
Die Autorität von Wissenschaftler*innen erschließt sich im öffentlichen Raum nur selten aus den typischen Kriterien akademischer Binnenlogik wie hoher Methodenreflexivität oder der Publikation ihrer Forschungsergebnisse in renommierten Fachzeitschriften. Noch bevor ein Argument geprüft ist, wirken Professur, Institutszugehörigkeit und wiederholte Medienpräsenz als Reputationssignale.[5] In einer Studie in der Fachzeitschrift European Sociological Review zeigen Raphael Heiberger, Bas Hofstra und Saïd Unger, wie sich mediale Sichtbarkeit selbst verstärkt: Ohne Presseerwähnung im Vorjahr lag die geschätzte Wahrscheinlichkeit einer Nennung im Folgejahr bei rund 13 Prozent; nach mindestens einer Erwähnung stieg sie auf etwa 63 Prozent. Mediale Präsenz bildet fachliches Ansehen damit nicht einfach nur ab; sie erzeugt kumulative Sichtbarkeitsvorteile und kann selbst zu symbolischem Kapital werden.[6]
Sichtbarkeit darf dabei allerdings nicht mit Entscheidungsrelevanz verwechselt werden. Die Expertenöffentlichkeit ist von einer doppelten Entkopplung geprägt: Entscheidungsrelevante Expertise ist an ministerielle und militärische Arenen gebunden; mediale Sichtbarkeit wird demgegenüber leicht als Indikator politischen Einflusses gelesen, ohne mit ihm notwendig zusammenzufallen. Dieselben Personen können daher öffentlich einflussreich erscheinen, ohne aber über entsprechenden institutionellen Zugriff zu verfügen. Weil dienstrechtliche Verschwiegenheitspflichten, Geheimschutz und institutionelle Kommunikationswege eigenständige öffentliche Äußerungen aktiver Soldat*innen begrenzen, gewinnt akademische Militärexpertise als zivile Übersetzungsinstanz besonderes Gewicht.[7]
In Zeiten geopolitischer und militärischer Konflikte wird diese Entkopplung folgenreich: Die öffentliche Autorität von Militärexpert*innen beruht auf prekärer Evidenz. Geheimhaltung, Täuschung und die Unübersichtlichkeit militärischer Operationen begrenzen das verfügbare Wissen; Satellitenbilder, Verlustlisten und geolokalisierte Videos machen Krieg zwar beobachtbarer, aber nicht schon verständlicher. Eine zentrale Aufgabe für Fachleute besteht deshalb darin, Informationen nicht nur zu gewinnen und zu ordnen, sondern auch deren Herkunft, Kontext und Auswahl offenzulegen. Hinzu kommt die Kollision dreier Zeitregime, die die Praxis akademischer Militärexpertise prägt: Wissenschaft gewinnt Verlässlichkeit durch Distanz und Revisionsoffenheit, Journalismus muss verdichten und ad hoc vermitteln, Politik unter Zeitdruck entscheiden.
Für akademische Militärexpert*innen bedeutet Übersetzen deshalb vor allem, Komplexität so zu reduzieren, dass Orientierung gelingt, ohne die Grenzen wissenschaftlicher Erkenntnis zu verwischen. Wie eine solche epistemische Selbstbegrenzung aussehen kann, zeigte Claudia Major in einem ZDF-Interview nach dem Absturz einer russischen Militärmaschine bei Belgorod. Belastbar seien nur zwei Punkte: „Das Flugzeug ist abgeschossen worden. Und es war ein Gefangenenaustausch geplant, der nicht stattgefunden hat.“[8] Alles Weitere sei Spekulation. Indem Major ihr Urteil auf diesen Befundkern beschränkte, durchkreuzte sie die mediale Erwartung möglichst unmittelbarer Verantwortungszuschreibung. Mit ihrer wiederholt ausdrücklich markierten epistemischen Vorsicht ist Major eine Ausnahmefigur im öffentlichen Diskurs, was ihrer Autorität aber bisher nicht geschadet hat – ganz im Gegenteil.
Militärexpertise im öffentlichen Raum lässt sich im Kern als soziales Feld begreifen: als eine Arena, in der nicht nur Kompetenz und Wissen zählen, sondern über Selbst- und Fremdzuschreibungen auch darüber verhandelt wird, wer mit welcher Deutungsautorität über Krieg und Militär sprechen kann. Wie solche Grenzen kommunikativ gezogen werden, zeigt ein Interview der Konrad-Adenauer-Stiftung (KAS) mit Sönke Neitzel. Bereits die Interviewer charakterisieren Teile der Debatte über ein mögliches Kriegsende als von „Wunschdenken“ und „Naivität“ geprägt und fragen, ob wissenschaftliche Erkenntnisse über die Bedingungen erfolgversprechender Verhandlungen zu wenig Beachtung fänden. Neitzel übernimmt diese Rahmung und verschärft sie: „Die meisten argumentieren kenntnisfrei.“[9] Dem stellt er ausdrücklich seine eigene Sprecherposition gegenüber: Wer wie er Krieg über Jahrzehnte studiert habe, müsse sich über manche Positionen wundern. In wenigen Sätzen wird so eine Grenze zwischen sachkundiger und unsachkundiger Rede gezogen. Gerade darin besteht Grenzarbeit: Sie bildet Unterschiede nicht bloß ab, sondern ordnet Sprecherpositionen, weist Sprechfähigkeit zu und begründet damit zugleich einen eigenen Autoritätsanspruch im Feld.[10]
Von der Frage zur Empfehlung
Der Journalismus trägt zur Figuration von Militärexpertise im öffentlichen Diskurs aber nicht nur durch die Auswahl von Expert*innen bei – wie hier durch das KAS-Interview mit Sönke Neitzel oder durch Einladungen von Wissenschaftler*innen wie Claudia Major und Carlo Masala in Talkshows von ARD und ZDF. Auch die Interviewfragen selbst bestimmen mit, was als erklärungsbedürftig erscheint, welche Gegensätze plausibel werden und was sich zur Überschrift verdichten lässt. Die Gesprächsarchitektur strukturiert damit ebenfalls den Raum des Sagbaren.[11]
Interviewte können den vorgegebenen Zuschnitt allerdings zurückweisen, seine Prämissen offenlegen oder das Problem analytisch neu fassen. Wie produktiv eine solche Verschiebung sein kann, zeigt Herfried Münkler in einem Deutschlandfunk-Interview aus dem Januar 2023. Gefragt, wann der Krieg enden werde, erwidert er, dies lasse sich „nicht seriös beantworten“, und verlagert die Frage vom Zeithorizont auf die Bedingungen eines möglichen Kriegsendes: Aus dem Wann wird ein Wie.[12]
Verhandlungsbereitschaft wächst Münkler zufolge, wenn Kriegsparteien ihre Ziele für unerreichbar halten oder nur noch unter ungeheuren Risiken und mit unüberschaubaren Kosten verfolgen können. Mit Clausewitz unterscheidet Münkler den politischen Zweck des Krieges von den militärischen Zielen im Krieg. Nicht die Frontlage als solche führe demnach an den Verhandlungstisch, sondern ihre politische Bewertung in der Abwägung von Zielen, Mitteln und erwarteten Kosten.[13]
Im weiteren Gespräch spitzt der Interviewer Thilo Kößler diese Differenzierung journalistisch zu: Er stellt Diplomatie und militärische Unterstützung als konkurrierende „Denkschulen“ gegenüber. Münkler weist zwar den Gegensatz zurück, weil militärische Entwicklungen die politischen Kalküle der Kriegsparteien verändern würden. Als Kößler die Argumentation schließlich zur Formel verdichtet, der Kriegsverlauf entscheide über Verhandlungen und Frieden, bestätigt Münkler knapp: „Exakt.“[14] Diese Pointe hat allerdings ihren Preis. Für sich gelesen, lässt sie den Frontverlauf beinahe unmittelbar in Verhandlungen münden. Bei Münkler liegt dazwischen jedoch ein wichtiger politischer Schritt: Kriegsparteien bewerten die militärische Lage in der Abwägung von Zielen, Mitteln und Kosten. Fällt dieser auf Clausewitz zurückgehende Deutungsschritt weg, wird Verdichtung zur Verkürzung und politisches Kalkül zum scheinbaren Automatismus.
An dieser Schwelle wechselt Münkler von der Analyse zur politischen Empfehlung und plädiert für militärische Unterstützung, um Russlands Maximalziele unerreichbar zu machen, sowie für europäische Sicherheitsgarantien bei einem Waffenstillstand. Aus Clausewitz’ Unterscheidung folgt dieses Plädoyer selbstverständlich nicht; es setzt vielmehr eine eigene normative Zielsetzung und empirische Annahmen über geeignete Mittel voraus. Damit verschiebt sich die Begründungslast: Zu prüfen sind nun die gesetzten Ziele, die erwarteten Wirkungen und die in Kauf genommenen Risiken.[15]
Was sich im Münkler-Interview nur indirekt aus dem Gesprächsverlauf rekonstruieren lässt, formuliert Claudia Major in einem taz-Interview als eigenen Anspruch an öffentliche Expertise. Der Interviewer spricht sie darauf an, dass sie in Talkshows, gerade bei Waffenlieferungen an die Ukraine, häufig dezidierte Positionen vertritt. Major weist diese Beobachtung nicht zurück. Bevor sie selbst Stellung beziehe, so ihre Antwort, bemühe sie sich zunächst, „die Situation zu erklären, Optionen aufzuzeigen“ und die Folgen unterschiedlicher Entscheidungen zu analysieren. Als Beispiel nennt sie ausdrücklich die Alternative, Waffen zu liefern oder darauf zu verzichten. Erst nachdem die Handlungsoptionen und ihre möglichen Konsequenzen sichtbar geworden seien, könne und solle man die eigene Position klar benennen.[16]
Gerade diese Reihenfolge ist analytisch entscheidend. Die Pointe liegt weniger in einer strikten Trennung der Rollen als in ihrer sachlichen und zeitlichen Ordnung: Analyse soll zunächst den Raum politischer Möglichkeiten erschließen; die Empfehlung verengt ihn anschließend, indem sie – auf der Grundlage ausgewiesener Annahmen und Maßstäbe – einer Option den Vorzug gibt. Mit Roger A. Pielkes idealtypischer Unterscheidung lässt sich diese Bewegung als Übergang vom Erschließen von Handlungsalternativen zur Fürsprache für eine von ihnen beschreiben.[17] Wissenschaftliche Autorität hängt in dieser Perspektive nicht daran, politische Empfehlungen zu vermeiden. Entscheidend ist vielmehr, den Übergang zur Fürsprache kenntlich zu machen und eigens zu begründen. Der angemessene Maßstab ist daher nicht Rollenreinheit, sondern Rollenklarheit: Für das Publikum muss erkennbar bleiben, wo die Analyse endet, welche Wertungen in die Abwägung eingehen und auf welchen zusätzlichen Prämissen die schließlich vertretene Empfehlung beruht.
Mit der politischen Empfehlung verändert sich auch die Struktur der Begründung. Wer für eine bestimmte Option eintritt, muss nicht nur deren erwartete Folgen plausibilisieren, sondern auch die Ziele und Maßstäbe ausweisen, an denen diese Folgen bewertet werden. Im Streit über Waffenlieferungen betreffen empirische Annahmen etwa den militärischen Nutzen, Eskalationsrisiken und die Folgen unterlassener Unterstützung; davon zu unterscheiden sind normative Maßstäbe und politische Ziele wie das Recht der Ukraine auf Selbstverteidigung, die Vermeidung einer Kriegsausweitung oder der Schutz der Zivilbevölkerung. Die entscheidende Grenze verläuft daher nicht zwischen „politischer“ und „unpolitischer“ Expertise, sondern zwischen ausgewiesenen und verdeckten Wertungen. Wissenschaft kann Wertkonflikte nicht entscheiden, wohl aber die empirischen Voraussetzungen konkurrierender Positionen klären. Gerade die analytische Trennung beider Ebenen erlaubt es, unterschiedliche Empfehlungen als solche zu diskutieren, ohne sie als Wissensdefizit abzutun oder politische Entscheidungen als wissenschaftlich zwingend auszugeben.[18]
Urteilen in einer offenen Zukunft
Auch eine derart begründete Empfehlung hebt die Ungewissheit der Zukunft nicht auf. Politischer Rat beruht auf Annahmen darüber, wie andere Akteure reagieren und welche Entscheidungen sie künftig treffen. Wie aber lässt sich über eine Zukunft urteilen, die nicht einfach bevorsteht, sondern durch politisches Handeln erst hervorgebracht wird? Carlo Masalas Wenn Russland gewinnt macht diese handlungsabhängige Ungewissheit zum Gegenstand. Das Buch eröffnet mit einem Gegenbild zur vertrauten Hollywood-Dramaturgie, in der die Katastrophe im letzten Augenblick verhindert wird: „Aber was, wenn nicht?“ Masala denkt von einem möglichen russischen Sieg aus weiter und entwirft eine Zukunft, in der ein begrenzter Angriff auf Estland die politische Belastbarkeit des NATO-Beistandsversprechens auf die Probe stellt.[19]
Masala kennzeichnet seinen Entwurf ausdrücklich als eine Möglichkeit unter mehreren, nicht als Prophezeiung. Szenarien dienen ihm dazu, gegenwärtige Tendenzen weiterzudenken und Rahmenbedingungen, Indikatoren und Einflussfaktoren künftiger Entwicklungen sichtbar zu machen. Seinen Entwurf stützt er auf reale Ausgangsbedingungen, eigene Forschung und Fachgespräche in Ministerien und militärischen Stäben; zugleich erzählt er in Szenen und Dialogen. Gerade diese Verbindung analytischer Fundierung und narrativer Verdichtung birgt jedoch ein epistemisches Risiko: Was sich plastisch vorstellen lässt, gewinnt leicht den Anschein höherer Wahrscheinlichkeit; in medialer Verkürzung kippt das konditionale „Wenn“ rasch in ein prognostisches „Wird“.[20] Masala legt selbst offen, an welcher Stelle die narrative Kompression einsetzt. Die tatsächlichen Abläufe wären vielschichtiger; Gespräche auf Arbeitsebene, Telefonate und Videokonferenzen lässt er der Lesbarkeit halber aus. Analytisch heikel wird diese Auslassung dort, wo gerade solche unspektakulären Zwischenstufen Entscheidungen verzögern, verändern oder blockieren könnten.
Damit verschiebt sich die Frage von der Eindringlichkeit des Szenarios auf seine Prüfbarkeit. Seine Qualität bemisst sich daran, ob tragende Annahmen und Weggabelungen erkennbar bleiben und ob sich benennen lässt, welche Befunde gegen den entworfenen Verlauf sprechen. Für Warnszenarien verschärft sich dieses Prüfproblem: Ihr Zweck kann gerade darin liegen, das entworfene Geschehen zu verhindern. Bleibt der gewarnte Verlauf aus, ist damit weder die Warnung widerlegt noch ihre Wirksamkeit bewiesen. Prüfbar sind vielmehr Ausgangsannahmen und Verzweigungen: Welche Entscheidungen treiben den Verlauf voran, welche könnten ihn unterbrechen, welche Kosten und Risiken hätten Gegenmaßnahmen? Das mögliche Schadensausmaß sagt dabei noch nichts über die Eintrittswahrscheinlichkeit. Die Unterscheidung zwischen Szenario und Prognose verändert somit den Maßstab der Prüfung, nicht aber die Pflicht zur Begründung.
Was für die Prüfung von Szenarien gilt, gilt auch für die Revision früherer Urteile: Ihre leitenden Annahmen müssen erkennbar bleiben. Claudia Major erklärte 2023 rückblickend, sie habe einen russischen Angriff für wahrscheinlich gehalten, jedoch einen kleineren, räumlich und zeitlich begrenzten militärischen Einsatz erwartet. Als Referenz dienten ihr frühere russische Einsätze in Tschetschenien, Georgien, auf der Krim und in Syrien, die sie als begrenzt deutete. Einen umfassenden Krieg hielt sie deshalb bis kurz vor dem 24. Februar 2022 für unwahrscheinlich, wenn auch nicht für ausgeschlossen. Im Nachhinein verortete sie den Fehler in einer konkreten Prämisse: Sie habe unterschätzt, wie anders die russische Führung Kosten und Nutzen kalkulierte. Diese retrospektive Selbstreflexion ist gerade auch deshalb aufschlussreich, weil sie exemplarisch zeigt, was Revision leisten sollte: nicht bloß das eigene Urteil zu korrigieren, sondern jene Annahme zu benennen, die es getragen hat.[21]
Ob aus solcher Selbstkorrektur öffentliches Lernen wird, hängt allerdings nicht allein von der Bereitschaft der Forschenden zur Revision ab, sondern auch von den Formaten, in denen sie sichtbar wird. Wiederkehrende Interviews, Kolumnen oder Podcasts können frühere Einschätzungen erneut aufgreifen und Veränderungen nachvollziehbar machen. Zugleich erzeugt die öffentliche Sichtbarkeit eine Reputationsasymmetrie: Während Irrtum innerhalb der Wissenschaft idealtypisch als Anlass zu Kritik und Korrektur gilt, kann eine revidierte Einschätzung in der Medienöffentlichkeit leicht als Widerspruch oder Gesichtsverlust erscheinen. Gerade von profilierten Stimmen wird Kontinuität erwartet. Vorbehaltsformeln sind deshalb nicht nur Ausdruck epistemischer Vorsicht; sie können auch dazu dienen, die reputativen Kosten späterer Korrekturen zu begrenzen.[22]
Damit stellt sich die Frage, wie Revision öffentlich so dokumentiert werden kann, dass aus ihr mehr entsteht als der Eindruck wechselnder Positionen. Digitale Öffentlichkeiten besitzen ein Gedächtnis der Sätze, aber selten eines der Gründe. Redaktionen sollten deshalb neben zitierfähigen Pointen auch den damaligen Kenntnisstand, leitende Annahmen, erwogene Alternativen und die Gründe späterer Korrekturen festhalten. Folgegespräche könnten nicht nur fragen, ob eine Einschätzung „noch gilt“, sondern welche neuen Befunde eine Revision stützen und weshalb frühere Prämissen aufgegeben wurden. Weder Beharrlichkeit noch Korrektur verbürgen für sich genommen Qualität; ausschlaggebend sind die Gründe. So ließe sich Revisionsfähigkeit als institutionell gestützte Praxis verankern, statt sie der persönlichen Tugend einzelner Stimmen zu überlassen.
Autorität ohne letztes Wort
Eine solche Kultur begründeter Revision ist nicht Sache der Forschenden allein, sondern setzt Redaktionen voraus, die mitprägen, welche Fragen gestellt, welche Erklärungen hervorgehoben und welche Einwände weiterverfolgt werden. Wer nach dem Hinweis, ein Kriegsende lasse sich nicht seriös datieren, lediglich erneut nach einem Datum fragt, macht den Vorbehalt zur rhetorischen Fußnote. Erkenntnisreicher wäre es, nach Anzeichen wachsender oder sinkender Verhandlungsbereitschaft zu fragen: nach revidierten Kriegszielen, veränderten Kostenabwägungen, innenpolitischem Druck oder militärischer Erschöpfung. Wissenschaftliche Sorgfalt ist mithin auf ein journalistisches Gegenüber angewiesen, das Ungewissheit nicht als Gesprächshindernis behandelt, sondern in präzisere Fragen übersetzt.
Interviews, Szenarien und andere öffentliche Vermittlungsformen sind deshalb an ihren jeweils eigenen Leistungen zu messen. Ein Interview ist kein Forschungsaufsatz im Kleinformat, ein Szenario keine gescheiterte Prognose. Entscheidend ist, ob Befunde belastbar, Erklärungen schlüssig und tragende Annahmen kritisierbar bleiben. Verständlichkeit ist dabei mehr als Darstellung: Eine präzise Nachfrage kann eine unausgesprochene Prämisse freilegen; ein Szenario kann sichtbar machen, wie Entscheidungen ineinandergreifen. Dieselben Verfahren können jedoch Scheinverstehen erzeugen, wenn Verdichtung die Gründe unsichtbar macht. Vermittlung darf Einzelheiten auslassen, muss aber erkennen lassen, worauf eine Erklärung beruht und wo ihre Geltung endet.
Doch auch solche Kriterien machen das Publikum nicht zur letzten Prüfungsinstanz fachlicher Urteile. Wer Expertise in Anspruch nimmt, tut dies häufig gerade deshalb, weil Zeit und Spezialwissen zur eigenständigen Kontrolle fehlen. Begründetes Vertrauen bleibt daher institutionell vermittelt: Fachgemeinschaften prüfen Befunde und Gegenargumente; Redaktionen fungieren als epistemische Intermediäre, indem sie Quellen kontrollieren, Zusammenhänge erklären und substanzielle Einwände öffentlich sichtbar machen. Diese Vermittlung verlangt keine schematische Ausgewogenheit. Wo Positionen ungleich gut begründet sind, kann eine bloß symmetrische Darstellung den Unterschied in der Begründungsqualität einebnen und schwach begründeten Behauptungen unangemessenes Gewicht verleihen. Öffentliche Urteilsbildung ist arbeitsteilig; sie braucht weder Fachleute mit vermeintlicher Allzuständigkeit noch die Fiktion eines Publikums, das Expertise aus eigener Sachkunde nachprüfen könnte.[23]
Gerade aus dieser Arbeitsteilung ergibt sich jedoch eine zweite Anforderung: Öffentliche Urteilsbildung braucht nicht nur verlässliche Verfahren der Prüfung, sondern auch fachliche Pluralität. Klaus Schlichtes Warnung vor einer „militaristischen Verengung“ gewinnt hier ihre eigentliche Tragweite. Die öffentliche Debatte über den Ukrainekrieg konzentriert sich seit 2022 stark auf Waffensysteme und militärische Kooperation, während Regionalexpertise und andere sozialwissenschaftliche Perspektiven vielfach in den Hintergrund treten. Militärische Sachkunde ist notwendig, aber nicht hinreichend. Ob militärischer Druck Verhandlungen begünstigt, ist eine andere Frage als jene, ob ein mögliches Abkommen gesellschaftlich verankert, politisch abgesichert und dauerhaft umgesetzt werden kann. Die Forschung zu Friedensabkommen verweist auf Bedingungen, die sich militärstrategisch allein nicht erfassen lassen: gesellschaftliche Einbindung, glaubwürdige Drittgarantien, institutionalisierte Konfliktregelung und die praktische Umsetzung vereinbarter Regeln.[24]
Je nach Streitfrage müssen militärhistorische und strategische Analysen deshalb durch Regionalwissen, Völkerrecht sowie Friedens- und Konfliktforschung ergänzt werden. Fachliche Pluralität erschöpft sich allerdings nicht in der bloßen Addition verschiedener Stimmen. Sie setzt institutionelle Verknüpfungen voraus, in denen spezialisierte Wissensbestände aufeinander bezogen, geprüft und wechselseitig korrigiert werden können. In diese Richtung weist auch der Wissenschaftsrat, wenn er diagnostiziert, dass sich Bereiche sicherheitsrelevanter Forschung in Deutschland vielfach in getrennten Räumen bewegen und stärker integriert, vernetzt und systemisch aufeinander bezogen werden sollten. Keine einzelne Stimme kann dieses Zusammenspiel spezialisierter Fachgemeinschaften ersetzen.[25]
Eine solche Pluralität erweitert schließlich nicht nur das Spektrum möglicher Antworten, sondern bereits den Horizont des Fragbaren. Eine Debatte kann zutreffende Antworten hervorbringen und dennoch Wesentliches verfehlen, wenn sie stets dieselben Fragen stellt. Krieg lesbar zu machen, heißt deshalb, Prämissen offenzulegen, Befund, Annahme, Möglichkeit und Wertung zu unterscheiden und Revisionsbedingungen kenntlich zu machen. Akademische Militärexpertise erscheint damit als medial vermittelte Grenzfigur zwischen Wissenschaft, Militär, Politik und Öffentlichkeit – und als Medium einer nachholenden sicherheitspolitischen Selbstverständigung. Wo sich öffentliche Expertise auf wenige Namen konzentriert, verengt sich leicht nicht nur das Spektrum der Antworten, sondern auch das Repertoire der Fragen; zugleich treten selektive Vermittlung und institutionelle Lücken deutlicher hervor. Autorität gewinnt diese Figur nicht durch das letzte Wort, sondern durch ein revisionsoffenes, rollenbewusstes Urteil unter Vorbehalt.
Literatur:
[1] Soika, Sören / Wagener, Fabian (2022): „Wir haben völlig verlernt, Kriege zu lesen“. Die sicherheitspolitische Kultur in Deutschland und der Krieg in der Ukraine. Ein Gespräch mit Sönke Neitzel, in: Auslandsinformationen 4, S. online unter https://www.kas.de/de/web/auslandsinformationen/artikel/detail/-/content/wir-haben-voellig-verlernt-kriege-zu-lesen [letzter Zugriff: 17.09.2026].
[2] Vgl. Bunde, Tobias (2025): Zeitenwende as a foreign policy identity crisis. Germany and the travails of adaptation after Russia’s invasion of Ukraine, in: The British Journal of Politics and International Relations 27: 4, S. 1223-1246, online unter https://doi.org/10.1177/13691481241311568, S. 1226 f.
[3] Die folgenden Überlegungen knüpfen an einen ausführlicheren Beitrag an: Messingschlager, Stefan (2026): Krieg lesbar machen. Akademische Militärexpertise, öffentliche Autorität und Unsicherheit in der „Zeitenwende“, in: SIRIUS – Zeitschrift für Strategische Analysen 10: 1-2, S. 50-72, online unter https://doi.org/10.1515/sirius-2026-3010, S. 50-53.
[4] Zum Sozialfigurenkonzept vgl. Moser, Sebastian J. / Schlechtriemen, Tobias (2018): Sozialfiguren – zwischen gesellschaftlicher Erfahrung und soziologischer Diagnose, in: Zeitschrift für Soziologie 47: 3, S. 164-180, online unter https://doi.org/10.1515/zfsoz-2018-1011, S. 164 f.; zum relationalen Expertisebegriff Grundmann, Reiner (2017): The problem of expertise in knowledge societies, in: Minerva 55: 1, S. 25-48, online unter https://doi.org/10.1007/s11024-016-9308-7, S. 26 f.; Eyal, Gil (2013): For a sociology of expertise. The social origins of the autism epidemic, in: American Journal of Sociology 118: 4, S. 863-907, online unter https://doi.org/10.1086/668448, S. 870 f.
[5] Vgl. Bartsch, Anne / Neuberger, Christoph / Stark, Birgit / Karnowski, Veronika / Maurer, Marcus / Pentzold, Christian / Quandt, Thorsten / Quiring, Oliver / Schemer, Christian (2025): Epistemic authority in the digital public sphere. An integrative conceptual framework and research agenda, in: Communication Theory 35: 1, S. 37-50, online unter https://doi.org/10.1093/ct/qtae020, S. 37 ff.
[6] Vgl. Heiberger, Raphael H. / Hofstra, Bas / Unger, Saïd (2026): Professors in the media. Dynamics of cumulative advantage, reputation, and gender, in: European Sociological Review 42: 2, S. 284-300, online unter https://doi.org/10.1093/esr/jcaf037, S. 290, 292. Die Studie zeigt zudem, dass Männer in der Spitzengruppe besonders sichtbarer Professor*innen überrepräsentiert bleiben, vgl. S. 294 f.
[7] Vgl. zu den dienstrechtlichen Bindungen § 14 „Verschwiegenheit“ des Gesetzes über die Rechtsstellung der Soldaten (Soldatengesetz – SG), online unter https://www.gesetze-im-internet.de/sg/__14.html [letzter Zugriff: 17.09.2026]; Bundeswehr (2026): Social Media in der Bundeswehr, online unter https://www.bundeswehr.de/de/social-media-in-der-bundeswehr-151590 [letzter Zugriff: 17.09.2026]; zur doppelten Entkopplung medialer Sichtbarkeit und tatsächlicher Entscheidungsrelevanz sowie zu institutionellen Sichtbarkeitslücken Messingschlager (2026): Krieg lesbar machen, S. 56, 67 f.
[8] Zitiert nach Deutschlandfunk (2024): Newsblog zum Krieg in der Ukraine. Die Entwicklungen vom 25. bis 28. Januar 2024, online unter https://www.deutschlandfunk.de/newsblog-zum-krieg-in-der-ukraine-296.html [letzter Zugriff: 17.09.2026].
[9] Vgl. Soika / Wagener (2022): „Wir haben völlig verlernt“.
[10] Zum Begriff der Grenzarbeit vgl. Gieryn, Thomas F. (1983): Boundary-work and the demarcation of science from non-science. Strains and interests in professional ideologies of scientists, in: American Sociological Review 48: 6, S. 781-795, online unter https://doi.org/10.2307/2095325, S. 782.
[11] Vgl. Clayman, Steven / Heritage, John (2002): The News Interview. Journalists and Public Figures on the Air, Cambridge: Cambridge University Press, insbesondere S. 188 ff.
[12] Vgl. Kößler, Thilo (2023): Münkler: Der Kriegsverlauf entscheidet über die Aufnahme von Verhandlungen, in: Deutschlandfunk, online unter https://www.deutschlandfunk.de/herfried-muenkler-ukraine-russland-100.html [letzter Zugriff: 17.09.2026].
[13] Vgl. ebd.
[14] Vgl. ebd.
[15] Vgl. ebd.
[16] Feddersen, Jan (2023): Verteidigungsexpertin Claudia Major: „Raus aus der Kuschelecke“, in: taz, online unter https://taz.de/Verteidigungsexpertin-Claudia-Major/!5915489/ [letzter Zugriff: 17.09.2026].
[17] Zur idealtypischen Unterscheidung zwischen dem Erschließen von Handlungsalternativen und der Fürsprache für eine Option vgl. Pielke, Roger A., Jr. (2007): The Honest Broker. Making Sense of Science in Policy and Politics, Cambridge: Cambridge University Press, S. 2 f.
[18] Zum begrenzten Beitrag wissenschaftlicher Erkenntnisse zur Auflösung von Wertkonflikten vgl. ebd., S. 39 ff., insbesondere S. 42.
[19] Masala, Carlo (2025): Wenn Russland gewinnt. Ein Szenario, München: C.H.Beck, S. 7 ff.
[20] Vgl. ebd., S. 8 ff.; zur Unterscheidung von Szenario und Prognose sowie von Möglichkeit und Wahrscheinlichkeit Messingschlager (2026): Krieg lesbar machen, S. 59-64.
[21] Vgl. Feddersen (2023): „Raus aus der Kuschelecke“.
[22] Vgl. Messingschlager (2026): Krieg lesbar machen, S. 64 f.
[23] Zur prüfenden, erklärenden und vermittelnden Funktion des Journalismus sowie zum Problem einer irreführenden Ausgewogenheit („false balance“) vgl. Bartsch et al. (2025): Epistemic authority, S. 44 ff.
[24] Vgl. Schlichte, Klaus (2026): Die Politikwissenschaft und der Krieg, in: Portal für Politikwissenschaft, online unter https://www.pw-portal.de/das-fach-politikwissenschaft/die-politikwissenschaft-und-der-krieg [letzter Zugriff: 17.09.2026]; zur gesellschaftlichen Einbindung, Absicherung und Umsetzung von Friedensabkommen exemplarisch Nilsson, Desirée (2012): Anchoring the Peace. Civil Society Actors in Peace Accords and Durable Peace, in: International Interactions 38: 2, S. 243-266, online unter https://doi.org/10.1080/03050629.2012.659139; Fortna, Virginia Page (2003): Scraps of Paper? Agreements and the Durability of Peace, in: International Organization 57: 2, S. 337-372, online unter https://doi.org/10.1017/S0020818303572046; Stedman, Stephen John / Rothchild, Donald / Cousens, Elizabeth M. (Hg.) (2002): Ending Civil Wars. The Implementation of Peace Agreements, Boulder: Lynne Rienner.
[25] Vgl. Wissenschaftsrat (2025): Wissenschaft und Sicherheit in Zeiten weltpolitischer Umbrüche. Positionspapier, Köln, online unter https://doi.org/10.57674/9tr5-kn29, S. 50 ff.
