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/ 18.06.2013
Eun-Jeung Lee

"Anti-Europa" Die Geschichte der Rezeption des Konfuzianismus und der konfuzianischen Gesellschaft seit der frühen Aufklärung. Eine ideengeschichtliche Untersuchung unter besonderer Berücksichtigung der deutschen Entwicklung

Münster/Hamburg/London: Lit 2003 (Politica et Ars 6); XIII, 699 S.; brosch., 55,90 €; ISBN 3-8258-6206-2
Habilitationsschrift; Gutachter: R. Saage, Jin Duk-Kyu. - „Die eine Seite malt ein Bild von der anderen und hält es ihr dann wie eine Maske vor [das] Gesicht. Anschließend versichert man sich gegenseitig, dass die Masken die Wirklichkeit sind und manche Maskenträger glauben es am Ende selbst." (618) So beschreibt die Autorin das Ergebnis der Jahrhunderte währenden Auseinandersetzung Europas mit China, die nun in einen Diskurs über wahlweise den konfuzianischen Kapitalismus oder die so genannten asiatischen Werte kulminiert sei. Und dieser Diskurs „ist für die Demokratiebewegung in Ostasien jedenfalls ein nicht zu übersehendes Hindernis" (638). Dieses - hoffentlich nur vorläufige - Fazit steht am Ende einer beeindruckenden Analyse. Lee erklärt die Wahrnehmung Chinas und des Konfuzianismus am Beispiel deutscher Philosophen vor allem mit deren Verwurzelung im jeweiligen Zeitgeist, an dem sowohl die Selbstwahrnehmung der Europäer als auch die Erfahrungen von - oftmals wenig kenntnisreichen - China-Reisenden ihren Anteil hatten. Es zeigt sich, dass China lange als Spiegel und Gegenpol für Europa herhalten musste, von den Schwärmereien Leibniz' vom „Europa des Ostens" mit einem gerechten Herrscher (im 18. Jahrhundert erschien der chinesische Kaiser im Vergleich zum Papst tatsächlich als äußerst tolerant) bis zum Diktum von Marx, China sei ein „lebendes Fossil" (391). Auch Weber sah China im „ewigen Stillstand" (405) und transportierte damit alte Vorurteile, vor deren Hintergrund Europa als entwickelter Teil der Welt noch heller strahlen konnte. Webers Anteil an der China-Forschung schätzt Lee dennoch nicht gering, da dieser wissenschaftlich und nicht ideologisch der Frage nachging, warum es in China zu keiner Europa vergleichbaren kapitalistischen Entwicklung gekommen ist. Aber erst Jaspers (1949) und Needham (in den 50er-Jahren) hätten einen vorurteilsfreien Blick auf China geworfen und dessen hohe zivilisatorische und wirtschaftliche Entwicklung gewürdigt. Die Erstarrung des Rationalisierungsprozesses im China des 18. Jahrhunderts habe erst der britische Sinologe Elvin mit dem Erreichen eines optimalen Verhältnisses zwischen Bevölkerungszahl, Agrarproduktion und Abschöpfungsrate erklärt; „kulturelle Faktoren hatten daran keinen besonderen Anteil" (523).
Natalie Wohlleben (NW)
Dipl.-Politologin, Redakteurin pw-portal.de.
Rubrizierung: 5.35.335.345.425.452.684.1 Empfohlene Zitierweise: Natalie Wohlleben, Rezension zu: Eun-Jeung Lee: "Anti-Europa" Münster/Hamburg/London: 2003, in: Portal für Politikwissenschaft, https://www.pw-portal.de/rezension/18455-anti-europa_21380, veröffentlicht am 01.01.2006. Buch-Nr.: 21380 Rezension drucken
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