/ 19.12.2013
Lou Marin (Hrsg.)
Albert Camus – Libertäre Schriften (1948-1960) Eingeleitet, kommentiert und übersetzt von Lou Marin
Hamburg: LAIKA Verlag 2013 (LAIKAtheorie); 384 S.; 24,90 €; ISBN 978-3-942281-56-0„We don't want to riot, but we have to“ – so steht es, in hastig hingemalten Buchstaben, in den Waschräumen des neuen Gebäudes für Sozialwissenschaften der Goethe‑Universität Frankfurt. Der Spruch hätte dem 1960 verstorbenen französischen Schriftsteller und prominenten Intellektuellen Albert Camus wohl gefallen, denn er bringt das Motiv seiner libertären Ansichten über Gesellschaft und Revolution auf den Punkt: Revolutionäre Gewalt ist notwendig und unvermeidbar, darf aber gerade deswegen niemals einfach akzeptiert werden. Nur als Ultima Ratio, und selbst dann nur unwillig und widerstrebend, darf Gewalt gegen Menschen gebilligt werden – eine äußerst schwierige Position, nicht nur während des Kalten Krieges; eine Position auch, mit der Camus immer wieder harsche Kritiken auf sich gezogen hat. Lou Marin hat sich nun die Mühe gemacht, diese polit‑philosophische Seite von Camus' Werk aufzuarbeiten – und zwar nicht einfach als Sammlung oder kommentierte Gesamtausgabe, sondern in ihrer ursprünglichen Gestalt: Als konkrete Interventionen in die politischen Debatten seiner Zeit. Das heißt, dass neben Camus' eigenen Pamphleten auch viele Antworten seiner Zeitgenossen abgedruckt wurden, die zusammen mit Marins ausführlicher Einführung in das Spannungsfeld zwischen Camus und dem französischen Anarchismus der Nachkriegszeit ungefähr die Hälfte des Bandes ausmachen. Ein allzu tiefes Eintauchen in die verschiedenen Positionskämpfe ist den Leser_innen zwar nicht vergönnt, da eine solche Aneinanderreihung der verschiedenen Texte letztlich doch künstlich und technisch wirken muss. Trotzdem transportiert Marin einen guten Eindruck davon, wie es war, als es noch eine Sphäre für wirklich intellektuelle Debatten über politische Themen gab. Dabei werden auch gerade die kontroversen Phasen von Camus' Wirken nicht ausgelassen, vor allem seine äußerst scharfen Kritiken des real existierenden Sozialismus, die bis heute die Gemüter bewegen. Insgesamt ist das Buch ein wertvoller und ausgewogener Beitrag zur Camus‑ und Anarchismusfoschung.
Florian Geisler (FG)
B. A., Politikwissenschaftler, Student, Goethe Universität Frankfurt am Main.
Rubrizierung: 5.42 | 5.46 | 2.61 | 2.23
Empfohlene Zitierweise: Florian Geisler, Rezension zu: Lou Marin (Hrsg.): Albert Camus – Libertäre Schriften (1948-1960) Hamburg: 2013, in: Portal für Politikwissenschaft, https://www.pw-portal.de/rezension/36543-albert-camus--libertaere-schriften-1948-1960_44815, veröffentlicht am 19.12.2013.
Buch-Nr.: 44815
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B. A., Politikwissenschaftler, Student, Goethe Universität Frankfurt am Main.
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