/ 05.06.2013
Hartmut von Hentig
Ach, die Werte! Ein öffentliches Bewußtsein von zwiespältigen Aufgaben. Über eine Erziehung für das 21. Jahrhundert
München/Wien: Carl Hanser Verlag 1999; 165 S.; 26,- DM; ISBN 3-446-19655-2Der Pädagoge von Hentig mischt sich mit seinem essayistisch geschriebenen Werk aus erziehungswissenschaftlicher Sicht in die politische Diskussion, in der Forderungen nach einer wertbezogenen Erziehung erhoben werden. Der politikwissenschaftliche Wert des Buches liegt in der Erinnerung des klassischen Zusammenhangs zwischen diesen beiden Disziplinen: Fragen nach dem Ziel von Erziehung, der Bedeutung des Begriffes Bildung oder aber nach Werten verweisen immer auch auf die gesellschaftliche und politische Dimension. Antworten auf Fragen in der einen Sphäre (Erziehungs- oder Politikwissenschaft) haben auch Konsequenzen für die andere, wenn die Beschäftigung mit diesen Fragen nicht verantwortungs- und konsequenzenlos bleiben soll.
Von Hentig erteilt (vor-)schnellen Rufen nach bestimmten Tugenden eine Absage. Indem er auf das zentrale Element zukünftiger Gesellschaft verweist - ihre konstitutive Offenheit - plädiert er für das Lernen des "Aushaltens" anderer Überzeugungen, der Fähigkeit zur Toleranz als wichtigstem Merkmal der Erziehung. Kombiniert mit der gegenwärtigen politischen Uneinigkeit über Lösungsmöglichkeiten zentraler gesellschaftlicher Streitfragen ergibt sich so als erste Forderung an eine Erziehung für das 21. Jahrhundert, die Fähigkeit zu stärken, Standpunkte zu entwickeln, über diese zu streiten, andere zu überzeugen oder sich selbst überzeugen zu lassen. Im politischen System soll die Sicherung des Lernens und des begründeten Streits ihren institutionellen Niederschlag in der Stärkung der Parlamente finden. Die in diesem Werk nur stichwortartig wiedergegebenen Thesen zur Parlamentsreform (ausführlich in: von Hentig: Der nützliche Traum von der Wachsamkeit. In: Einspruch. [Demokratie - ein Traum?] Heft 11/1988) provozieren zu intensiver Diskussion der Grundlagen freiheitlicher Demokratie, die hier (128 ff.) selbst nicht geführt wird: Abgeordnete als Vertreter des gesamten Volkes geben bei Einzug in das Parlament ihre Parteizugehörigkeit auf, Fraktionszusammenhänge werden aufgelöst, die Öffentlichkeit wird von den Beratungen des Parlamentes ausgeschlossen und jeder Lobbyismus untersagt. Den Abschluß des Buches bilden Überlegungen zum Religionsunterricht an säkularen Schulen.
Christian Schütze (ChS)
Politikwissenschaftler.
Rubrizierung: 2.35 | 5.42
Empfohlene Zitierweise: Christian Schütze, Rezension zu: Hartmut von Hentig: Ach, die Werte! München/Wien: 1999, in: Portal für Politikwissenschaft, https://www.pw-portal.de/rezension/8089-ach-die-werte_10696, veröffentlicht am 01.01.2006.
Buch-Nr.: 10696
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Politikwissenschaftler.
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