/ 11.06.2013
Wadim S. Rogowin
Vor dem großen Terror: Stalins Neo-NÖP. Aus dem Russischen übersetzt von Hannelore Georgi und Harald Schubärth
Essen: Arbeiterpresse Verlag 2000 (Gab es eine Alternative? 3); 475 S.; geb., 58,- DM; ISBN 3-88634-074-0Für den 1998 verstorbenen Rogowin, ehemals Professor am Soziologischen Institut der russischen Akademie der Wissenschaften, stellen die gesellschaftlichen Umbrüche im Gefolge der Perestrojka "tragische[...] Ereignisse" dar, mündeten sie doch in einer "Restauration kapitalistischer Verhältnisse" (8). Deswegen kann Rogowin in der Auseinandersetzung mit dem Stalinismus, wie sie nach dem Zusammenbruch der Sowjetunion erfolgte, auch nur "eine üble Verzerrung der marxistischen Theorie und der revolutionären Praxis des Bolschewismus" (9) erkennen - wohl weil es im nach-sozialistischen Russland möglich geworden ist, den Stalinismus nicht mehr als bloßen Betriebsunfall, sondern als Fortsetzung der Politik Lenins mit anderen (und gleichen) Mitteln zu deuten. Für Rogowin hat aber das eine mit dem anderen gar nichts zu tun; stattdessen hat er eine sehr aparte Erklärung für den "großen Terror" der Dreißigerjahre. Dieser stellt nicht etwa den Versuch dar, den Sozialismus gegen ein sich verzweifelt wehrendes Volk durchzusetzen. Vielmehr sei es die Einführung marktwirtschaftlicher Elemente durch Stalins Neo-NÖP (Neue Ökonomische Politik) gewesen, die privilegierte Schichten und damit soziale Spannungen geschaffen hätte. Und erst die Verteidigung dieser Privilegien habe den Unterdrückungsapparat nötig gemacht, der die Herrschaft des Stalinismus kennzeichnet. Also ist auch hier die Wurzel aller Übel wieder das kapitalistische Marktgeschehen? Wahrscheinlich. Wer sich noch einmal das nostalgische Gefühl einer Wiederbelebung der Sechzigerjahre leisten will, als so viele die Welt und vor allem ihre Übel aus einem Punkt zu erklären verstanden und gegen "Renegaten des Kommunismus", gegen "große und augenfällige Geschichtsverfälschungen" (10) und gegen "Verleumdungskampagne[n]", die den "Gedenken an die Bolschewiki" (20) beschmutzen, zu Felde zogen - wer sich also dies nostalgische Gefühl noch einmal leisten will, dem sei dieses Buch zur Lektüre empfohlen.
Barbara Zehnpfennnig (BZ)
Prof. Dr., Professur für Politische Theorie und Ideengeschichte, Universität Passau.
Rubrizierung: 2.62
Empfohlene Zitierweise: Barbara Zehnpfennnig, Rezension zu: Wadim S. Rogowin: Vor dem großen Terror: Stalins Neo-NÖP. Essen: 2000, in: Portal für Politikwissenschaft, https://www.pw-portal.de/rezension/12102-vor-dem-grossen-terror-stalins-neo-noep_14448, veröffentlicht am 01.01.2006.
Buch-Nr.: 14448
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Prof. Dr., Professur für Politische Theorie und Ideengeschichte, Universität Passau.
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