/ 22.06.2013
Peer Steinbrück
Unterm Strich
Hamburg: Hoffmann und Campe 2010; 480 S.; geb., 23,- €; ISBN 978-3-455-50166-7Steinbrück geht es um knallharte Gegenwartsdiagnostik, um Problembenennung und -beseitigung – das zumindest suggeriert das Vorwort, dem als Motto ein Zitat von Ferdinand Lassalle vorangestellt ist und das sich bei Steinbrück dann so liest: „Wir wollen nicht so genau wissen, was wir eigentlich wissen.“ (9) Das klingt nicht nur düster, sondern auch selbstkritisch, insofern die bundesrepublikanische Politik und Gesellschaft wissentlich – ob aus Angst oder Desinteresse mag dahingestellt sein – hinter ihren Möglichkeiten zurückbleibt: „Denn sie tun nicht, was sie wissen.“ (9) Als Reaktion auf diese Haltung kommt Steinbrücks Rückblick weder als politische Biografie noch als Abrechnung mit dem politischen Gegner daher, sondern als sozialdemokratische Auseinandersetzung mit der Finanz- und Wirtschaftskrise, deren Folgen maßgeblich die letzten Monate seiner Amtszeit als Bundesfinanzminister geprägt hatten. Der Autor spannt dabei einen diagnostischen Bogen, der insgesamt acht Kapitel umfasst. Er beginnt mit den politischen und ökonomischen Veränderungen durch die Globalisierung, er analysiert die Bankenkrise von 2008 und wendet sich in der Folge den größten Herausforderungen der deutschen Politik zu – von der Reform des Sozialstaats über die Föderalismusdebatte bis hin zur Kritik an einer zunehmend ökonomisierten Medienlandschaft. Das Abschlusskapitel bleibt dann den Überlegungen zur Zukunftsfähigkeit der SPD vorbehalten. Neben strukturellen und programmatischen Umstellungen empfiehlt Steinbrück als künftiges Zentralmotiv in der Innenpolitik einen Dreiklang: „Bildung, Bildung, Bildung“ (463). Nur wenn sich die SPD dieses Themas nachdrücklich annehme, seien zwei Dinge möglich: Deutschland würde sich seine Produktions- und Innovationsfähigkeit in Zukunft bewahren und die SPD weiterhin eine zentrale Rolle in der deutschen Parteienlandschaft spielen. Ob mit oder ohne Steinbrück als Kanzlerkandidat bleibt indes offen. Die Qualität der Lektüre wird durch diese fehlende Information nur marginal geschmälert.
Matthias Lemke (LEM)
Dr. phil., Politikwissenschaftler (Soziologe, Historiker), wiss. Mitarbeiter, Institut für Politikwissenschaft, Helmut-Schmidt-Universität Hamburg.
Rubrizierung: 2.3 | 4.43 | 2.342 | 2.331 | 2.332 | 2.333 | 2.61 | 2.64 | 2.68
Empfohlene Zitierweise: Matthias Lemke, Rezension zu: Peer Steinbrück: Unterm Strich Hamburg: 2010, in: Portal für Politikwissenschaft, https://www.pw-portal.de/rezension/33123-unterm-strich_39577, veröffentlicht am 08.12.2010.
Buch-Nr.: 39577
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Dr. phil., Politikwissenschaftler (Soziologe, Historiker), wiss. Mitarbeiter, Institut für Politikwissenschaft, Helmut-Schmidt-Universität Hamburg.
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