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/ 17.06.2013
Catherine Merridale

Steinerne Nächte. Leiden und Sterben in Russland. Aus dem Englischen von Enrico Heinemann, Karin Schuler und Karin Miedler

München: Karl Blessing Verlag 2001; 543 S.; geb., 24,50 €; ISBN 3-89667-081-6
Trotz der fast schon unübersehbaren Literaturflut zum Thema Russland hat das Land nichts an Faszination verloren. Russlands Reiz liegt vor allem in der (westlichen) Vorstellung, dass dort die Uhren anders gehen. Zudem haben Katastrophen, Kriege, Revolutionen und staatliche Gewalt besonders im 20. Jahrhundert das Land heimgesucht. "Zwischen 1914 und 1953 verloren mehr als 50 Millionen Sowjetbürger bei Gewalttaten, Hungersnöten und Epidemien ihr Leben." (21) Dass ein solches massenhaftes Sterben im Umgang mit dem Tod und der Erinnerung Spuren im russischen Volk hinterlässt, ist der Ausgangspunkt in Merridales Untersuchung. Dabei umschifft die britische Historikerin vorsichtig eine in der Einleitung zu vermutende Maximalthese eines kollektiven Traumas der Russen: "Hätte ich in Russland nach einer Bestätigung für diese These gesucht - eine seit Generationen traumatisierte Gesellschaft mit heilungsbedürftigen Männern, Frauen und Kindern - wäre ich enttäuscht worden." (444) Als Kennerin des Landes geht sie den Weg der Zeitzeugenbefragung. Die Gefahr einer solchen Innenperspektive ist laut Merridales Einschätzung, "dass meine Schlüsse der akademischen Welt kaum noch zu vermitteln sind" (443). In ihrer Wissensvermittlung versucht die Forscherin eine Balance zwischen Journalismus und sozialwissenschaftlicher Analyse zu halten. Eine klare Trennung der Fakten und der Interpretation der Zeitzeugenaussagen hätte dem Buch bessere Dienste erwiesen. Erkennbar wird jedoch, dass gerade das staatlich erzwungene Schweigen über die menschlichen und materiellen Verluste den Opfern am gröbsten zusetzte. In diesen dunklen Kreis der kollektiven und individuellen Verschwiegenheit möchte Merridale vordringen. Dabei findet sie mehr Widersprüchlichkeiten als Erkenntnisse. "Im Grunde stehen Abwesenheit und Verlust im Mittelpunkt des Buches. Schweigen bildet den Kern, nicht irgendwelche Antworten." (33) Insofern trägt die Historikerin dazu bei, dass die Faszination Russlands und seiner Menschen erhalten bleibt. Inhalt: 1. Jenes Licht; 2. Eine Kultur des Todes; 3. Der Palast der Freiheit; 4. Die revolutionäre Glut; 5. Massengräber und Mausoleen; 6. Das große Schweigen; 7. Steinerne Nächte; 8. Russland im Krieg; 9. Das Pantheon; 10. Der Tod in den Zeiten des "entwickelten Sozialismus"; 11. Ein Knochenberg; 12. Die Stimmen der Toten.
Wilhelm Johann Siemers (SIE)
Dipl.-Politologe, Journalist, Redakteur der Sprachlernzeitschrift vitamin de, Florenz.
Rubrizierung: 2.62 Empfohlene Zitierweise: Wilhelm Johann Siemers, Rezension zu: Catherine Merridale: Steinerne Nächte. München: 2001, in: Portal für Politikwissenschaft, https://www.pw-portal.de/rezension/14976-steinerne-naechte_16993, veröffentlicht am 01.01.2006. Buch-Nr.: 16993 Rezension drucken
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