/ 11.06.2013
Angelika Schmidt-Herwig
Rückgabe von Kulturgut: Zur Funktion ethischer Normen Internationaler Organisationen im Entscheidungsprozeß. Eine Fallstudie über die Rückgabe von altmexikanischer Wandmalerei aus der Sammlung Wagner, San Francisco (Calif., USA), unter Berücksichtigung der mexikanischen Museumspolitik
Frankfurt a. M.: Brandes & Apsel 1999 (Wissen & Praxis 85); 414 S.; pb., 49,80 DM; ISBN 3-86099-285-6Diss. Frankfurt a. M. - Inwiefern können von Internationalen Organisationen, in diesem Fall der UNESCO und der ICOM (International Council of Museums), formulierte ethische Prinzipien im Entscheidungsprozeß über die Restitution oder Rückgabe von Kulturgut generell handlungsanleitend wirken, auch dann, wenn diese Internationalen Organisationen selbst nicht tätig werden, sondern dezentrale Akteure? Schmidt-Herwig umreißt in einer detaillierten Fallstudie den Einfluß der von UNESCO und ICOM seit den 70er Jahren formulierten Normen "Herausbildung von kultureller Identität" sowie "Schutz und Zugänglichkeit des Kulturerbes" auf die Entscheidung über die Rückgabe von Kulturgut durch Entscheidungsträger auf Museumsebene. Die erzielte Lösung in diesem in den 80er Jahren ausgetragenen Konflikt über die Rückgabe einer Sammlung altmexikanischer Wandmalerei an ein mexikanisches Institut identifiziert Schmidt-Herwig als Ergebnis einer politischen Entscheidung, die sie unter politikwissenschaftlicher Perspektive in den Kontext internationaler Konfliktregelungs- und Entscheidungsprozesse einordnet. Außerdem weist sie auf Anknüpfungspunkte der Überlegungen zur Funktion universalistischer ethischer Prinzipien Internationaler Organisationen an die Diskussion zum Begriff der Weltgesellschaft hin.
In der interdisziplinär als museologische und politikwissenschaftliche Untersuchung angelegten Studie nehmen verallgemeinerbare Überlegungen zur Funktion ethischer Normen bei der Lösung von Konflikten im Bereich Kulturgut allerdings einen relativ kleinen Raum ein. Betrachtet man zum Beispiel die derzeit laufende Diskussion über die Rückgabe von Kunstwerken, die aus jüdischem Besitz stammen und während der NS-Zeit ihren Eigentümern entzogen wurden, so spielt hier die Idee einer Rückgabe aufgrund einer moralischen Wertung der Geschichte eines Kunstwerkes, unabhängig von aus juristischer Sicht abgelaufenen Fristen, eine zentrale Rolle. Für eine generelle Debatte über eine stärkere Abkoppelung der Restitutionsproblematik von der juristischen Dimension bietet Schmidt-Herwigs Studie nur sehr eingeschränkt Anknüpfungspunkte, auch wenn der Titel solche Erwartungen aufkommen läßt.
Inhaltsübersicht: I. Zuordnung des Komplexes "Restitution von Kulturgut" zur politikwissenschaftlichen Forschung; II. Die Politik der UNESCO-Generalkonferenzen in bezug auf die Restitution von Kulturgut; III. Der Beitrag mexikanischer Museen für den "Zugang zum Kulturerbe" und für die "Herausbildung kultureller Identität". Zu den Voraussetzungen der Umsetzung von UNESCO-Prinzipien zur Restitution von Kulturgut; IV. "Zugang zum Kulturerbe" und "Herausbildung kultureller Identität" als Faktoren für die Rückgabe altmexikanischer Wandmalerei aus der Sammlung WAGNER durch The Fine Arts Museum of San Francisco (Calif., USA) and Mexiko; V. Zur Funktion Internationaler Organisationen für den Handlungsspielraum bei der Restitution oder der Rückgabe von Kulturgut an sein Ursprungsland.
Tanja Pritzlaff (TP)
Dipl.-Politologin, wiss. Mitarbeiterin, Zentrum für Sozialpolitik, Universität Bremen.
Rubrizierung: 4.3
Empfohlene Zitierweise: Tanja Pritzlaff, Rezension zu: Angelika Schmidt-Herwig: Rückgabe von Kulturgut: Zur Funktion ethischer Normen Internationaler Organisationen im Entscheidungsprozeß. Frankfurt a. M.: 1999, in: Portal für Politikwissenschaft, https://www.pw-portal.de/rezension/11134-rueckgabe-von-kulturgut-zur-funktion-ethischer-normen-internationaler-organisationen-im-entscheidungsprozess_13162, veröffentlicht am 01.01.2006.
Buch-Nr.: 13162
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Dipl.-Politologin, wiss. Mitarbeiterin, Zentrum für Sozialpolitik, Universität Bremen.
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