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Rezension / 08.05.2026

Moritz Rudolph: Einheit und Zerfall. Internationale Politik in der älteren Kritischen Theorie

Berlin, Matthes & Seitz 2025

Moritz Rudolph rekonstruiert die „Dialektik von Einheit und Zerfall“ als das zentrale Motiv der älteren Kritischen Theorie im Nachdenken über internationale Politik. Er empfiehlt neueren Kritischen Theorien eine stärkere Orientierung am politischen Realismus der „alten Frankfurter“. Günther Auth teilt Rudolphs Anliegen, die Idee eines zwangsläufigen Fortschritts hin zu mehr Emanzipation und Einheit im globalen Maßstab zugunsten einer dialektischen Betrachtung zu korrigieren, sieht hierfür aber in der Kritischen IB-Theorie à la Gramsci den entscheidenden Schlüssel.

Eine Rezension von Günther Auth

Kritische Einlassungen auf die internationale Politik hat es seit Beginn intellektueller Beschäftigung mit dem Politischen gegeben. Im Zuge der Verstaatlichung von Wissenschaft sind sie im modernen Universitätssystem gegenüber Theorieperspektiven mit konservativem bzw. (neo-)liberalem Zuschnitt erwartungsgemäß in den Hintergrund gerückt. Denn im Unterschied zu solchen problemlösenden Herangehensweisen haben sich ihre Vertreter*innen bewusst nicht um Praxisrelevanz bemüht, das heißt sie haben Regierungen weder machtpolitisch verwertbare Anleitungen für die erfolgreiche Realisierung nationaler Interessen geliefert, noch haben sie sich um Normalisierungen fragwürdiger Entwicklungen bzw. Rechtfertigungen außenpolitischer Entscheidungen bemüht. Aufgrund ihrer Distanz zur politischen Praxis hat ihnen jedoch nicht nur der Nutzen für die Regierungspolitik gefehlt. Auch für die Protagonist*innen realistischer und (neo-)liberaler Theorieperspektiven waren kritische Überlegungen zur internationalen Politik nie anschlussfähig. Das ist wiederum nur konsequent, wenn man berücksichtigt, dass konventionelle Sichtweisen internationaler Politik aus einer kritischen Perspektive in einer unheilvollen Komplizenschaft mit staatlicher Machtpolitik stehen, die im Lauf des 20. Jahrhunderts eine unvorstellbar destruktive Qualität angenommen hat.

Es ist diese skeptische Grundhaltung gegenüber der etablierten Theorie und Praxis internationaler Politik, die eine Brücke zwischen der Kritischen Theorie der Frankfurter Schule und den genuin kritischen Theorien in der Wissenschaft der Internationalen Beziehungen (IB) schlägt. Mit ihrer gedanklichen Verpflichtung auf die Marx’sche Position, dass die bürgerlich-kapitalistische Gesellschaft auf dem Weg in die totale Verwertung und Vermarktung der Welt nicht nur billigend ihre Vernichtung in Kauf nimmt, sondern auf dem Weg dahin nahezu zwangsläufig auch alle anderen gesellschaftlichen Teilbereiche, inklusive Kultur und Wissenschaft, der ausgreifenden Kapitalverwertungslogik unterwirft, stellten sich die „Frankfurter“ genauso ins Abseits, wie es das Netzwerk kritischer Forscher*innen der Internationalen Beziehungen im akademischen Kontext der gleichnamigen Wissenschaft getan hat.

Einheit und Zerfall in der älteren Kritischen Theorie

Moritz Rudolph hat in seinem lesenswerten Buch nicht nur die Einlassungen der Frankfurter Schule auf die internationale Politik rekonstruiert. Er hat dabei außerdem versucht, ihre ungebrochene Aktualität und ihren wertvollen Beitrag zur zeitgenössischen Debatte im Feld kritischer Theorien der internationalen Politik aufzuzeigen. Dieser liegt nach dem Dafürhalten von Rudolph darin, den dort dominierenden reformistisch-emanzipatorischen Ansätzen die negative Dialektik der Frankfurter Schule entgegenzuhalten. Die Protagonist*innen neuerer kritischer Theorien täten nämlich gut daran, bei ihren fortschrittsoptimistischen Überlegungen zur Möglichkeit von Emanzipationsakten im Sinne europäischer bzw. globaler Einigung die Regressionsgefahren nicht völlig auszublenden. Der Beitrag der „Frankfurter“ wäre eben darin zu sehen, dass sie in Reminiszenz an die Hegel’sche Dialektik von einer Doppelgesichtigkeit des Geschichtsverlaufs ausgehen, insofern jede Einheit der Weltordnung unweigerlich mit ihrem Zerfall konfrontiert ist.

Es darf als heuristisch wertvoll eingeschätzt werden, dass Rudolph im ersten Teil des Buches die mannigfaltigen Einlassungen der Frankfurter Schule detailliert beschreibt, systematisiert und kategorial unterscheidet. So ergibt sich für Rudolph aus den weit verstreuten Textbausteinen der Ersten Generation Kritischer Theorie ein Gesamtbild, in dem Max Horkheimers Einlassungen auf die internationale Politik ein postrevolutionär-hemmendes Muster, in dem Theodor W. Adornos Kommentare zur internationalen Politik ein postrevolutionär-hoffendes Muster, in dem Franz Neumanns Bemerkungen zur internationalen Politik ein skeptisch-reformistisches Muster und in dem Herbert Marcuses Ausführungen zur internationalen Politik ein neurevolutionäres Muster darstellen.

Horkheimers pragmatische Deutung internationaler Politik

Das heißt im Falle Horkheimers, dass sich die Logik internationaler Politik als ein dialektischer Prozess zwischen den Momenten der Monopolisierung und Konzentration von Macht einerseits und der durch wiederkehrende Krisen immer wieder aufs Neue forcierten Desintegration entfaltet. Ihren Ausgangspunkt nähmen Krisen sowohl im Innern von Staaten, wo konkurrierende Machtcliquen bzw. rackets bei ihren Versuchen der ausbeuterischen Aneignung widersprüchliche Befehle geben und so Kämpfe innerhalb der Bürokratie vom Zaun brechen würden. Im Raum zwischen Staaten entstünden Krisen, wenn fehlende Kooperation und ideologische Frontenbildung die Kriegsgefahr steigerten. Da der ununterbrochene Beutezug im Innern und zwischen Staaten ständig Konflikte vom Zaun brechen würde, wären Krisen und Kriege der Normalzustand internationaler Politik geworden.

Für Horkheimer kam diese Dialektik im Kontext des Ost-West-Konflikts vor allem in der Systemkonkurrenz zwischen den westlichen Staaten einerseits und der Sowjetunion bzw. China andererseits zum Ausdruck. Die USA wäre derjenige Staat gewesen, der die Verbreitung der totalitären Verwaltung nach dem Vorbild des "russisch-chinesischen Zwangsstaats" (Horkheimer) (auch) aus normativen Überzeugungen aufhalten könnte – und sollte. Die Proteste gegen Rassismus und dabei eskalierende Polizeigewalt in über 160 US-amerikanischen Städten, die verdeckten Interventionen der US-Regierung zur Stabilisierung faschistischer Regime in Afrika und Lateinamerika sowie die bestialische Kriegführung der US-Armee in Vietnam und Laos änderten nichts daran, dass Horkheimer die USA als einen Hort der 'Freiheit' und letzte Form der menschlichen Emanzipation innerhalb der bestehenden Weltordnung beschrieb. Wie Rudolph zeigt, vertrat Horkheimer die Überzeugung, dass die spätliberale Ordnung des Westens ungeachtet ihrer vielen Defizite, darunter sogar die schleichende Zerstörung von Freiheit, den noch viel schlimmeren Alternativen in Osteuropa, Asien und dem Nahen Osten vorzuziehen wäre. Zu deren Abwehr wäre nicht nur das zwischenzeitliche Paktieren mit autoritären Verbündeten, sondern auch der Einsatz militärischer Gewalt akzeptabel.

Schlussendlich könnte laut Horkheimer aber auch die USA nur die Rolle eines Hemmschuhs spielen, der die Entwicklung der Welt in einen vernichtungschaotischen Zustand aufhält. Und mutmaßlich geschähe selbst das nicht aus normativer Überzeugung, sondern eher aus machtpolitischen Kalkülen. Horkheimer neigte damit, so die Interpretation Rudolphs, einer pragmatischen Deutung internationaler Politik zu, in der er die realistische Machtlogik der internationalen Politik als unhintergehbar akzeptierte. Begleitet wurde seine Analyse vom Wunsch, dass sich in der Staatenkonkurrenz diejenige Macht durchsetzen möge, die politische Freiheit wenigstens für eine gewisse Zeit als ein Nebenprodukt entstehen lassen würde. Die USA bzw. der Westen dürften dafür aber keinen geopolitischen Kuhhandel mit der Sowjetunion und/oder China eingehen; zumal von China die größten Gefahren für die westliche Welt drohen würden.

Adorno, Neumann und Marcuse

Adorno folgte Horkheimer sowohl in seiner Analyse des bevorstehenden Zerfalls als auch in seiner Einschätzung, dass nur die USA dem expandierenden Sowjetbolschewismus Einhalt gebieten könnte. Wie Rudolph anmerkt, blieb auch Adorno nicht gänzlich unbeeinflusst von der proamerikanischen Stimmung bzw. Feindpropaganda in Deutschland. Anders als bei Horkheimer machte sich in Adornos Einlassungen auf die internationale Politik jedoch auch ein postrevolutionär-hoffendes Denkmuster bemerkbar, insofern er den Gedanken an die Notwendigkeit der Verhinderung des Schlimmsten mit der Suche nach einem möglichen Agenten der Veränderung zum Besseren verband.

Die Entwicklung der Welt im 20. Jahrhundert wäre zwar insgesamt auf eine unvernünftige Logik verpflichtet, in der die anhaltende Revolutionierung der Technik allen Regierungen immer effektivere Kontrollmechanismen und Zerstörungspotenziale zur Verfügung stellen würde. Parallel dazu bewirkte die kapitalistische Produktionsweise die allmähliche Transformation der nationalen Volkswirtschaften zur Herrschaft der Oligopole bzw. des Monopols, was Staaten dazu zwingen würde, die Krise durch Eingriffe abzuwehren. Und solange damit zumindest in den westlichen Staaten noch grundlegende Freiheitsrechte verankert blieben, bestünde dort eine – theoretische – Möglichkeit für die „Künstlerphilosophen“ (Rudolph), den Siegeszug der totalen Verwaltung aufzuhalten.

Neumann distanzierte sich laut Rudolph vom etablierten „Fetisch der Kommunistenfurcht“ (Neumann) während der Adenauer-Ära und wirkte dadurch nüchterner und analytischer als Horkheimer und Adorno. Die Verteidigung des zivilisierten Westens, die auch Neumann befürwortete, müsste nicht zwingend auf Abschreckung und Gewalt gründen. Eine universelle Weltordnung müsste nicht bis in alle Ewigkeit von einem dialektischen Gegensatz zwischen Einheit und Zerfall geprägt sein. Die Entfremdung zwischen Staaten wäre zwar aktuell der Normalzustand. Eine Annäherung wäre jedoch jederzeit möglich, wenn es gelänge, Staaten davon abzuhalten, ein weiteres Mal übereinander herzufallen. Auch für Neumann könnte – und sollte – die USA in der Staatenkonkurrenz des 20. Jahrhunderts die Rolle des Mediators übernehmen, um eine 'regelbasierte Ordnung' herbeizuführen. Im Unterschied zu Horkheimer und Adorno plädierte Neumann aber dafür, dass der Westen neben Deutschland auch die Sowjetunion durch eine vernünftige Behandlung als einen „normalen“ Staat behandelt.

Auch Marcuse sah die internationale Politik während des Ost-West-Konflikts durch einen systemischen Konflikt zwischen den hochentwickelten Industriegesellschaften des Westens und der Sowjetunion sowie ihren Satellitenstaaten geprägt. Seiner Auffassung nach wurde dieser Konflikt aber von der westlichen Welt vom Zaun gebrochen. Insbesondere die USA entwickelte sich demnach als dominierendes Zentrum des Spätkapitalismus zur aggressiven imperialen Macht, die nach dem zweiten Weltkrieg dazu überging, ihre Produktionsweise und Konsumkultur mit diplomatischem Druck und/oder militärischer Gewalt auf der ganzen Welt zu verbreiten. Die Sowjetunion wäre zwar nicht die Kraft zur Herstellung einer besseren Alternative, sie wäre aber auch nicht das Böse, vor dem man sich fürchten müsste. Dies gelte insbesondere vor dem Hintergrund, dass der Westen die Sowjetunion in einen Konkurrenzkampf verstrickt hätte und damit mitverantwortlich für ihre ideologische und institutionelle Verhärtung sei. Überdies würde ihr der Westen vor allem deswegen die Rolle des Feindes zuschreiben, um die eigene Bevölkerung in einen Zustand der permanenten psychosozialen Mobilmachung zu versetzen. Analog dazu verlief die Entwicklung in Drittweltregionen, wo Regierungen überall dort totalitär werden würden, wo sie von den westlichen Staaten und vor allem den USA aus geopolitischen Interessen gestützt wurden.

Realismus als Gemeinsamkeit der älteren Kritischen Theorie

Trotz deutlicher Unterschiede in der Beschreibung von Akteuren, Prozessen und Strukturen des Weltsystems zeigen sich in den Einlassungen der älteren Kritischen Theorie auf die internationale Politik interessante Gemeinsamkeiten. Denn im Tenor beschrieben die genannten Vertreter der Frankfurter Schule Zerfallsrealitäten, die allen Welteinheitsbemühungen Schranken setzen würden, wenn nicht auch die spätkapitalistischen Gesellschaften des Westens fundamental transformiert werden würden. In diesem Sinn, so Rudolph, näherten sich die Vertreter der Frankfurter Schule dem politischen Realismus von Hans Morgenthau an, der seinerseits am Bild der Staatenkonkurrenz festhielt und dabei die überragende Rolle von Macht und nationalen Interessen betonte. Entgegen allzu optimistischer Hoffnungen auf die ordnende Kraft von Normen und Institutionen wäre die zwischenstaatliche Anarchie genauso wenig überwindbar wie die aggressive Menschennatur, die sich auf zwischenstaatlicher Ebene in Abwesenheit einer ordnenden Zwangsgewalt umso virulenter manifestieren würde.

Diese Rückbesinnung auf Kerngedanken des politischen Realismus wäre laut Rudolph ein sinnvolles und zeitgemäßes Angebot der älteren an die nachfolgenden Generationen Kritischer Theorie. Gemeint ist damit insbesondere diejenige Lesart, die von Jürgen Habermas kultiviert wurde, der sich am Pessimismus der ersten Generation störte und in einem zweckoptimistischen Sinn an den möglichen Beitrag von Demokratie und Recht im Raum jenseits von Staaten erinnerte, um Handlungsmöglichkeiten für ein emanzipatorisches Subjekt zurückzugewinnen. Mit mehr Realismus ließe sich die in der von Habermas geprägten „kritischen Theorie der internationalen Politik“ mittlerweile vorherrschende Fixierung auf die Idee eines zwangsläufigen Fortschritts hin zu mehr Emanzipation und Einheit im globalen Maßstab zugunsten einer dialektischen Betrachtung korrigieren. Alle diese Ausführungen und Anschlussüberlegungen von Rudolph sind für sich genommen schlüssig und überzeugend.

Drei Einsprüche zu Rudolph

Ungeachtet dessen bietet das Buch in mindestens dreierlei Hinsicht Anlass für Einsprüche. Das betrifft zum einen die behauptete Ähnlichkeit der älteren Kritischen Theorie mit dem politischen Realismus. Es ist richtig, dass der politische Realismus auf die Rolle von Macht und die Realisierung nationaler Interessen abstellt, aber das folgt im Realismus aus einem einzigen unüberwindlichen Grund, nämlich dem der aggressiven Menschennatur. Und diese für Realisten durch nichts aus der Welt zu schaffende Ursache liegt völlig quer zur axiomatischen Vorstellung Kritischer Theorie, dass alle Menschen grundsätzlich vernunftbegabt sind und „nur“ ein entsprechendes Umfeld bräuchten, damit diese Anlage für sie selbst persönlichkeitsbildend und für die umliegende Gesellschaft zivilisatorisch fruchtbar wird. Im klassischen Realismus ist zivilisatorischer Wandel per definitionem ausgeschlossen; in der Kritischen Theorie eben nicht. Die vermeintliche Ähnlichkeit zwischen Realismus und Kritischer Theorie besteht ergo nur oberflächlich und auf einer rein semantischen Ebene.

Zweitens haben sich in der Wissenschaft der IB zahlreiche Vertreter*innen einer genuin kritischen Theorieperspektive an realistische Annahmen erinnert, um die historische Dialektik im Weltsystem besser begreifen und erklären zu können, als es die abstrakte Weltsystemtheorie von Immanuel Wallerstein vermochte, auf die sich auch Rudolph bezieht. Und das betrifft nicht nur die Semantik von Morgenthau. Robert Cox rezipierte Anfang der 1980er Jahre von Antonio Gramsci den Bezug auf die Zentaur-Figur von Niccolò Machiavelli, der damit die Doppelstrategie eines Herrschers versinnbildlichte: zum Zwecke des politischen Erfolgs, müsste man bereit sein, die eigenen Interessen nicht nur auf menschliche Art und Weise, das heißt mit Hilfe von Gesetz und Vernunft, sondern auch auf „tierische“ Weise bzw. mit Hilfe von Gewalt durchzusetzen. In Anlehnung an Machiavelli und Gramsci importierte Cox damit eine wirkungsmächtige Metapher in die Vorstellungswelt der internationalen Politik und leitete daraus ein theoriebildendes Konzept von Hegemonie ab: eine Konstellation, in der politischer Einfluss weder allein auf Recht und Vernunft noch allein auf militärischer Macht beruht, sondern auf ihrer Vermittlung durch Institutionen, Ideologien sowie materielle Kräfte. Die Zentaur-Metapher fungierte damit als komprimiertes Modell, das Machiavellis Herrschaftslehre über Gramscis Gesellschaftstheorie zu einem grundlegenden Theoriebaustein für die kritische Perspektive des historischen Materialismus im Feld der akademischen IB aufwertete.

Drittens stellt sich angesichts der großen Resonanz dieser dezidiert kritischen und von Gramsci beeinflussten Theorieentwicklung in den IB die Frage, ob sich Rudolph mit seiner eigenen Charakterisierung der „neueren Kritischen Theorien“, die ohne jeglichen Bezug auf Gramsci bleibt, nicht einen Strohmann schafft. Rein begrifflich ließe sich nämlich konstatieren, dass Freundschaft für die Kritische Theorie der IB á la Gramsci nicht zum Momentum der Weltpolitik geworden ist; die Hoffnung auf eine weitreichende Aufklärung ist in dieser Kritischen Theorie der IB schon seit dem Ersten Weltkrieg wegen der allgegenwärtigen Regierungspropaganda zur Illusion geworden; grenzüberschreitende Anerkennung und Emanzipation als mögliche Treiber einer befriedenden Dynamik haben für diese Kritische Theorie der IB keine realistische Basis.

Vorzüge der Kritischen IB-Theorie á la Gramsci

In systematischer Hinsicht ist die Rezeption von Jürgen Habermas' Theorie des kommunikativen Handelns, die vor allem in der deutschen akademischen Debatte zu beobachten war, nicht stellvertretend für kritische Theoriebildung im wissenschaftlichen Kontext der IB gewesen. Das betrifft auch andere Denkfiguren von Habermas, wie etwa die deliberative Demokratie oder die Konstitutionalisierung des Völkerrechts. Es scheint eher so, dass diese Denkfiguren von (neo-)liberalen Protagonist*innen der IB propagiert wurden, denen man angesichts der langen Tradition verdeckter Einmischungen der USA in andere Länder sowie der zahlreichen völkerrechtswidrigen Militäraktionen westlicher Staaten seit den 1990er Jahren eine Neigung zur komplizenhaften Schönfärberei bzw. Apologetik nachsagen könnte.

In theoretischer Hinsicht stellten prominente Vertreter Kritischer IB-Theorie in der Tradition Gramscis der Evolution einer aufklärungsfähigen bürgerlichen Weltgesellschaft das Konzept der globalisierten business civilization entgegen, die assimilierend auf alle Räume wirkt, in denen Menschen und Institutionen nach anderen Werten als der Kapitalverwertung und Vermarktung streben. Die Vorstellung einer zunehmenden Gemeinschaftsbildung in einer postnationalen Konstellation erwies sich vor dem Hintergrund der zunehmend entfesselten Kapitalverwertungslogik als kategorialer Irrtum, was die Kritische IB-Theorie á la Gramsci auf die Konstitutionalisierung des Neoliberalismus in Europa und dem transatlantischen Raum zurückführte. Die zuversichtliche Erwartung an einen Siegeszug der westlich-bürgerlichen Vernunft im globalen Maßstab mutet im Licht des fortgesetzten Raubzugs westlichen Firmen auf dem asiatischen, afrikanischen und lateinamerikanischen Kontinent auch nicht „kritisch“, sondern weltabgewandt und nachgerade zynisch an.

Für die Kritische IB-Theorie á la Gramsci ist das Negative seit dem Ende des Zweiten Weltkriegs nicht zum Sprungbrett für das Positive geworden, sondern hat erwartungsgemäß noch mehr Negatives nach sich gezogen. Analog zur älteren Kritischen Theorie hat auch die Kritische IB-Theorie á la Gramsci die amoralische und destruktive Logik des globalisierten Kapitalismus als Hauptursache für diese negative Dialektik sehr treffend beschrieben und analysiert – auch wenn selbst prominente Fachvertreter wie Nicholas Rennger das nicht anerkennen konnten oder wollten. Schlussendlich lässt sich konstatieren, dass in der Wissenschaft der IB ein Denken in nicht-emanzipatorischen Kategorien schon lange existiert hat. Das Problem scheint darin zu liegen, dass auch neuere kritische Theorien – aus welchen Gründen auch immer – dieselben Berührungsängste gegenüber Kritischer Theorie haben, wie der IB-Mainstream. Damit lässt sich weiterhin ignorieren, dass Kritische IB-Theorie á la Gramsci seit fast 50 Jahren versucht hat zu illustrieren, dass und warum sich politische Zentralisierung, Autoritarismus, Faschisierung, Militarismus, Imperialismus, Verschuldung, Destabilisierung und Polarisierung seit den 1980er Jahren in globalem Ausmaß verbreitet haben.



DOI: 10.36206/REZ26.19
CC-BY-NC-SA