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/ 19.06.2013
Jutta Scherrer

Kulturologie. Rußland auf der Suche nach einer zivilisatorischen Identität

Göttingen: Wallstein Verlag 2003 (Essener Kulturwissenschaftliche Vorgänge 13); 188 S.; brosch., 14,- €; ISBN 3-89244-474-9
Nach dem Zusammenbruch der Sowjetunion wurde „Kulturologie" an sämtlichen Hochschulen, Fachschulen und Oberschulen Russlands als Pflichtfach eingeführt und ersetzte damit die vorher üblichen marxistisch-leninistisch orientierten Fächer. Inhaltlich ist nun die „Kultur" zum zentralen Erklärungsmoment gesellschaftlicher Phänomene avanciert, die „Produktionsverhältnisse" werden dagegen nicht mehr herangezogen. Dazu erschien in den letzten Jahren eine große Anzahl entsprechender Einführungen und Lehrbücher, die jedoch pikanterweise in vielen Fällen von den Lehrkräften verfasst wurden, die zu Zeiten des Sozialismus Unterricht in Gesellschaftskunde und ähnlichen Fächern erteilt hatten und heute Kulturologie unterrichten. Das neue Fach zeichne sich, so die Autorin, u. a. durch eine wenig ausgearbeitete Methodik aus und sei durch eine Werte und Sinnstrukturen vorgebende Ausrichtung sowie einen umfassenden Erklärungsanspruch geprägt. Scherrer referiert im ersten Teil zentrale Aussagen dieses neuen Faches, wobei die Darstellung allerdings aufgrund der sehr umfassenden Verwendung von Zitaten oft ein wenig unübersichtlich ist. Im zweiten Teil erläutert sie, welche Gründe zu der enormen Popularität der Kulturologie geführt haben. Insbesondere diagnostiziert sie ein ideologisches Vakuum in Russland, in dem die alten Ideologien nun durch ähnlich absolut gesetzte, ganzheitliche Ansätze, allerdings mit umgekehrten Vorzeichen, ersetzt würden.
Silke Becker (BE)
Dipl.-Soziologin; freie Journalistin.
Rubrizierung: 2.622.23 Empfohlene Zitierweise: Silke Becker, Rezension zu: Jutta Scherrer: Kulturologie. Göttingen: 2003, in: Portal für Politikwissenschaft, https://www.pw-portal.de/rezension/20573-kulturologie_24002, veröffentlicht am 01.01.2006. Buch-Nr.: 24002 Rezension drucken
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