/ 04.06.2013
Hüseyin Aguiçenoglu
Genese der türkischen und kurdischen Nationalismen im Vergleich. Vom islamisch-osmanischen Universalismus zum nationalen Konflikt
Münster: Lit 1997 (Heidelberger Studien zur internationalen Politik 5); 272 S.; 48,80 DM; ISBN 3-8258-3335-6Politikwiss. Diss. Heidelberg; Erstgutachter: F. R. Pfetsch. - Erst in den letzten Jahrzehnten rückte die Nationalismusforschung, die nach Sicht des Autors "jahrelang das Monopol der Historiker" (7) blieb, immer mehr in das Interesse der Sozialwissenschaften, nicht zuletzt aufgrund vermehrter nationaler bzw. ethnischer Konflikte in jüngster Zeit. Der Begriff der Nation ist bis heute nicht unumstritten, Aguiçenoglu entwickelt ihn als "historisch-soziologische Kategorie" (8), deren Konzeption der kollektiven Identitätsfindung erst seit Ende des 18. Jahrhunderts in Europa an Bedeutung gewann und andere traditionelle Organisationsprinzipien und Integrationswerte verdrängte. Demgegenüber diskutiert er "die Vorstellung von der Nation als einer 'natürlichen' Größe, als einer mystischen, metaphysischen und theologischen Abstraktion" (8). Von der Herausbildung eines türkischen Nationalbewußtseins könne erst seit Anfang unseres Jahrhunderts auf der Grundlage von kulturell-literarischem Interesse an einer im Osmanischen Reich vernachlässigten Sprache gesprochen werden. Erst die türkische Republik schuf im Sinne einer nationalen Geschichtsschreibung im nachhinein "den Mythos von der ursprünglich 'türkischen Nation'. [...] Gleiches gilt für die Kurden: Eine kurdische 'Nation', die durch den Friedensvertrag von 1639 zwischen den Osmanen und Persern aufgeteilt worden wäre, ist eine Illusion bzw. eine Erfindung des Nationalismus unseres Jahrhunderts." (243) Erst in den 60er Jahren löste sich die kurdische Gesellschaft immer mehr von ihren traditionellen Bindungen "hin zur nationalen Loyalität" (244). Die Arbeit erhellt nicht nur die Hintergründe des aktuellen Kurdenkonfliktes in der Türkei, sondern demonstriert darüber hinaus die Reichweite und Vielschichtigkeit sowie die methodische Herangehensweise zum generellen Verständnis von nationalen Auseinandersetzungen.
Inhaltsübersicht: I. Zur Problematik des Begriffs Nation: 1. Die Nation als Untersuchungsgegenstand der Forschung; 2. Die Dichotomie von Kultur- und Staatsnation: Die Rolle der objektiven und subjektiven Faktoren bei der Herausbildung von Nationen; 3. Nation, Volk und Staat; 4. Scheitern der Assimilation, Entstehung ethnisch-nationaler Konflikte und ihre Lösungsmöglichkeiten. II. Das Osmanische Reich: 1. Entstehung, Entwicklung und politische Struktur des Osmanischen Reiches; 2. Sozialer Wandel, Verwestlichung und Nationalismus im Osmanischen Reich; 3. Die besondere Rolle der Tanzimat-Periode bei der Auflösung der theokratischen Ordnung; 4. Die Entstehung der ersten osmanischen Intelligenz: Die Neuosmanen-Bewegung und der Einzug westlicher Begriffe und Ordnungsvorstellungen in die islamisch-osmanische Ideenwelt; 5. Die Verkündung der ersten osmanischen Verfassung: Kanun-u Esasi und die Ära Abdülhamits II. III. Die Entstehung des türkischen Nationalismus: 1. Untersuchungsschritte; 2. Die 'Türken' und die 'türkische Sprache' als Interessens- und Untersuchungsgegenstand der europäischen Orientalisten; 3. Die Phasen des türkischen Nationalismus. IV. Die Geburt der türkischen Republik: 1. Objektive Gegebenheiten in der Nachkriegszeit in Anatolien: Politische Situation, soziale Struktur und die Haltung der Bevölkerung zur nationalen Frage; 2. Subjektive Bedingungen: Organisation, Trägerschicht und soziale Basis der türkisch-nationalen Bewegung nach dem Ersten Weltkrieg; 3. Staatsgründung (state-building). V. Die Entstehung der Kurdenfrage in der Türkei: 1. Allgemeine Informationen über die Kurden; 2. Die Kurden unter osmanischer Herrschaft; 3. Zur Genesis des kurdischen Nationalbewußtseins; 4. Die Bildung der türkischen Nation (nation-building) und die Entstehung der Kurdenfrage in der Türkei. VI. Schlußfolgerungen.
Andreas Eis (AE)
Jun.-Prof. Dr., Didaktik des politischen Unterrichts und der politischen Bildung, Institut für Sozialwissenschaften Oldenburg, Fakultät I.
Rubrizierung: 2.63 | 2.23 | 4.41
Empfohlene Zitierweise: Andreas Eis, Rezension zu: Hüseyin Aguiçenoglu: Genese der türkischen und kurdischen Nationalismen im Vergleich. Münster: 1997, in: Portal für Politikwissenschaft, https://www.pw-portal.de/rezension/4469-genese-der-tuerkischen-und-kurdischen-nationalismen-im-vergleich_6277, veröffentlicht am 01.01.2006.
Buch-Nr.: 6277
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Jun.-Prof. Dr., Didaktik des politischen Unterrichts und der politischen Bildung, Institut für Sozialwissenschaften Oldenburg, Fakultät I.
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