/ 17.06.2013
Bruno Groppo / Winfried R. Garscha / Christine Schindler (Hrsg.)
Die Arbeiterbewegung - Ein gescheitertes Projekt der Moderne?
Leipzig: Akademische Verlagsanstalt 2000 (ITH-Tagungsberichte 34); 245 S.; brosch., 24,50 €; ISBN 3-931982-15-7Die Arbeiterbewegung als gescheitertes Projekt der Moderne zu bezeichnen, ruft unweigerlich Kritik hervor. Der englische Historiker Hobsbawn kontert in seinem Beitrag postwendend: "Die Arbeiterbewegung ist, wie auch das Klassenbewußtsein, kein 'Projekt', sondern ein in einem bestimmten Stadium der gesellschaftlichen Produktion logisch notwendiges und praktisch unvermeidliches Charakteristikum einer Klasse der Lohnarbeiter. Der Sozialismus ist ein 'Projekt', das heißt, die Absicht und der Versuch, den Kapitalismus zu stürzen und durch ein neues wirtschaftliches System und eine neue Gesellschaft zu ersetzen. Obwohl dieses Projekt fast seit Anfang mit der Arbeiterbewegung eng verflochten ist, so sind die beiden eben nicht identisch." (14) Mit dieser Binnendifferenzierung und -abgrenzung geht auch die Erkenntnis einher, dass die Arbeiterbewegung in Europa den Sonderweg der Sozialdemokratisierung ging. Ein Weg, der in anderen Teilen der Welt anders verlief.
Ausgehend von diesen Überlegungen hatte die genannte Tagung, die im September 1999 in Linz stattfand, zwei Hauptanliegen: Es wurde der Versuch einer Gesamtschau der Arbeiterbewegung im 20. Jahrhundert unternommen. Der Fokus lag einerseits auf die sozialwissenschaftliche Auseinandersetzung zwischen Moderne und Postmoderne sowie andererseits auf dem Einbringen geschlechtergeschichtlicher Fragestellungen. Ein weiterer Punkt war eine Ausweitung der traditionellen Schwerpunkte der ITH (West- und Osteuropa) auf die Geschichte der Arbeiterklasse und der Arbeiterbewegung in Asien, Afrika, Nord- und Südamerika. Für die außereuropäischen Entwicklungsgebiete waren überblicksartige Beiträge wegen der großen länderspezifischen Heterogenität oftmals nicht möglich, sodass auf die Methode der Ländervergleiche zurückgegriffen wurde. Leider wurde bei der Redaktion des Tagungsbandes, besonders bei der Zeichensetzung, wenig Sorgfalt an den Tag gelegt.
Inhalt: Eric Hobsbawn: Das Jahrhundert der Arbeiterbewegung (11-23); Alberto J. Pla: Travail, classe ouvrière et mouvement ouvrier dans le contexte des nouvelles modalités du capital et de la technologie (24-49); Sheila Rowbotham: New Entry Points from US Women's Labour History (50-72); Jie-Hyun Lim: From the Labor Emancipation to the Labor Mobilization (73-91); Klaus Tenfelde: Arbeiterbewegung in Westeuropa (92-110); Bruno Groppo: La trajectoire du mouvement ouvrier en Europe occidentale au XXe siècle: realisations, échecs, mutations (111-127); Karl-Heinz Gräfe: Reformkommunismus in Osteuropa (128-158); Daniel James: Latin American Labor History: An Assessment of the State of the Field in the 1990s (159-183); John D. French: Latin American and International Working Class History on the Brink of the 21st Century: Points of Departure in Comparative Labor Studies (184-219); W. P. Visser: White Labour Aristocracy and Black Proletariat. The Origins and Deployment of South Africa's racially divided Working Class (220-245).
Wilhelm Johann Siemers (SIE)
Dipl.-Politologe, Journalist, Redakteur der Sprachlernzeitschrift vitamin de, Florenz.
Rubrizierung: 2.22 | 2.65 | 2.67 | 2.61 | 2.62 | 2.64
Empfohlene Zitierweise: Wilhelm Johann Siemers, Rezension zu: Bruno Groppo / Winfried R. Garscha / Christine Schindler (Hrsg.): Die Arbeiterbewegung - Ein gescheitertes Projekt der Moderne? Leipzig: 2000, in: Portal für Politikwissenschaft, https://www.pw-portal.de/rezension/15402-die-arbeiterbewegung---ein-gescheitertes-projekt-der-moderne_17538, veröffentlicht am 01.01.2006.
Buch-Nr.: 17538
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Dipl.-Politologe, Journalist, Redakteur der Sprachlernzeitschrift vitamin de, Florenz.
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