/ 21.06.2013
Anja Osiander
Der Fall Minamata. Bürgerrechte und Obrigkeit in Japan nach 1945
München: iudicium 2007 (Monographien aus dem Deutschen Institut für Japanstudien 41); 383 S.; geb., 47,- €; ISBN 978-3-89129-852-7Diss. Halle-Wittenberg; Gutachter; G. Foltjanty-Jost, P. Kevenhörster. – Wie sehr prägen traditionelle Muster obrigkeitstreuen Handelns bis heute die Realität politischer Aktivität in Japan? Zwar schreibt die berühmte japanische Friedensverfassung von 1947 explizit eine Orientierung am Wohl des Einzelnen und damit eine liberale politische Praxis vor, doch sind Gesetze bekanntlich nur eine Form, in der das Handeln determinierende Institutionen auftreten können. Für diese Fragestellung stellt der Fall Minamata ein interessantes Untersuchungsbeispiel dar: In den frühen 50er-Jahren war es in der Umgebung dieser japanischen Küstenstadt zu einer Verseuchung mit Quecksilber gekommen. Ein Urteil zu den Schadenersatzansprüchen der Opfer fällte der oberste japanische Gerichtshof erst im Jahr 2004. Zur Analyse wird ein theoretisches Modell herangezogen, das aus rationalistischer Perspektive einerseits die Einzelinteressen der die Institutionen des politischen Systems tragenden Individuen untersucht, andererseits diese Institutionen auch als „unitary actors“ betrachtet, denen in Gänze Handeln nach den Grundsätzen rationaler Nutzenmaximierung unterstellt wird. Die Auswahl der für diese Einordnung zugrunde gelegten empirischen Daten erfolgt unter Maßgabe des Verfassungsziels einer liberalen politischen Ordnung. Anhand des Beispiels Minamata wird deutlich, dass nicht nur der Konflikt zwischen liberalem und obrigkeitsstaatlichem Konzept, sondern auch unterschiedliche Rollenzuschreibungen an den Staat die Auseinandersetzung prägten: Während die Opfer zunächst noch an die aus dem liberalen Staatsmodell erwachsenden Verpflichtungen appelliert hatten, setzten sie schließlich mehr und mehr auf den juristischen Kampf um die richtige Ausübung der Regierungsverantwortung. Das eigentliche obrigkeitsstaatliche Modell erscheint somit auch bei den Opfern von Minamata nach wie vor sehr wirkmächtig zu sein.
Carsten Michael Nickel (CMN)
B. A., Politikwissenschaftler, wiss. Hilfskraft, Lehrstuhl für Internationale Politik, Ruhr-Universität Bochum.
Rubrizierung: 2.68 | 2.21 | 2.261
Empfohlene Zitierweise: Carsten Michael Nickel, Rezension zu: Anja Osiander: Der Fall Minamata. München: 2007, in: Portal für Politikwissenschaft, https://www.pw-portal.de/rezension/28636-der-fall-minamata_33752, veröffentlicht am 16.04.2008.
Buch-Nr.: 33752
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B. A., Politikwissenschaftler, wiss. Hilfskraft, Lehrstuhl für Internationale Politik, Ruhr-Universität Bochum.
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