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/ 21.06.2013
Raúl Zibechi

Bolivien. Die Zersplitterung der Macht. Aus dem Spanischen übersetzt von Horst Rosenberger

Hamburg: Edition Nautilus 2008 (Nautilus Flugschrift); 189 S.; 15,90 €; ISBN 978-3-89401-591-6
In dieser Publikation geht es um die jüngsten Entwicklungen der selbstorganisierten Basisbewegungen der indianisch geprägten Gemeinschaften in der Stadt El Alto in Bolivien. Sowohl der Autor als auch der Politikwissenschaftler John Holloway im Vorwort äußern sich in der Hoffnung, dass es diesen Bewegungen gelingen möge, staatliche Strukturen zu zerbrechen. Holloway sieht die Ereignisse in Bolivien durch die zapatistische Bewegung Mexicos inspiriert und den Schlüssel zu ihrem Erfolg darin, dass „sie den Staat ablehnt“, der Menschen spalte, der „das Politische vom Ökonomischen, das Private vom Öffentlichen“ (8) trenne. Tatsächlich hat es nach dem Caracazo-Aufstand 1989 in Venezuela, dem mexikanischen Zapatismus, der Landlosenbewegung in Brasilien und der argentinischen Erwerbslosenbewegung auch in Bolivien in den Jahren 2000 und 2003 Aufstände um Wasser und Erdgas gegeben. Zibechi deutet dies als einen sich stabilisierenden Trend, hervorgerufen durch die desintegrative Kraft des Kapitalismus, der zunehmend Moderne und Tradition aufeinanderprallen lasse. Dass die Aufstände von Organisationen getragen werden, die im Alltagsleben verankert sind, „ist eines der neuen Wesensmerkmale der (immer gleichzeitig sozialen und politischen) Bewegungen Lateinamerikas“ (13). Am Beispiel des Aufstandes auf der Hochebene von Aymara beschreibt der Autor, wie der „Aufbau von dezentralisierten, nicht-staatlichen Machtorganen“ (21) vor sich ging, die mit Räten nach zapatistischem Modell verbunden wurden. Zibechi beschreibt auch das Justizwesen der selbstorganisierten Gemeinschaften. Zwar betont er, dass in ländlichen Regionen die Gerichtsbarkeit eigentlich auf Wiedereingliederung des Verbrechers gerichtet ist, man in El Alto jedoch entschieden habe, „jeden Dieb oder Räuber umzubringen, den sie erwischen“ (124). Zwar spricht der Autor von mehreren Instanzen, beschreibt diese jedoch nicht. Mit dem Wahlsieg von Evo Morales 2006 in Bolivien sieht der Autor die allgemeine Gefahr für Lateinamerika entstehen, dass die politisch progressiven Kräfte diese sozialen Bewegungen schwächen.
Timo Lüth (TIL)
Student, Institut für Politische Wissenschaft, Universität Hamburg.
Rubrizierung: 2.652.222.61 Empfohlene Zitierweise: Timo Lüth, Rezension zu: Raúl Zibechi: Bolivien. Hamburg: 2008, in: Portal für Politikwissenschaft, https://www.pw-portal.de/rezension/30421-bolivien_36114, veröffentlicht am 16.07.2009. Buch-Nr.: 36114 Inhaltsverzeichnis Rezension drucken
CC-BY-NC-SA