/ 11.06.2013
Thierry Wolton
Rot-Braun. Der Pakt gegen die Demokratie von 1939 bis heute. Aus dem Französischen von Hainer Kober
Hamburg: Hoffmann und Campe 2000; 415 S.; ISBN 3-455-11310-9Die Tatsache, dass gerade in den Ländern, die eben noch unter der kommunistischen Diktatur gelitten hatten, ein vehementer Siegeszug nationalistischen Denkens zu verzeichnen ist, lässt sich nach Ansicht des französischen Publizisten Wolton nicht einfach darauf zurückführen, dass die Reaktion eben dort marschiere, wo der linke Widerstand fehle. Im Gegensatz zu einem solchen Erklärungsversuch, der von dem unüberwindlichen Gegensatz zwischen Rot und Braun ausgeht, sieht Wolton vielmehr eine tiefe A...
Thierry Wolton
Rot-Braun. Der Pakt gegen die Demokratie von 1939 bis heute. Aus dem Französischen von Hainer Kober
Hamburg: Hoffmann und Campe 2000; 415 S.; geb., 44,90 DM; ISBN 3-455-11310-9Die Tatsache, dass gerade in den Ländern, die eben noch unter der kommunistischen Diktatur gelitten hatten, ein vehementer Siegeszug nationalistischen Denkens zu verzeichnen ist, lässt sich nach Ansicht des französischen Publizisten Wolton nicht einfach darauf zurückführen, dass die Reaktion eben dort marschiere, wo der linke Widerstand fehle. Im Gegensatz zu einem solchen Erklärungsversuch, der von dem unüberwindlichen Gegensatz zwischen Rot und Braun ausgeht, sieht Wolton vielmehr eine tiefe Affinität zwischen diesen beiden ideologischen Weltdeutungsmodellen: ihr gemeinsamer "Hass auf die Demokratie, die Menschenrechte, die Freiheit des Einzelnen, auf alles, was die Grundlage der westlichen Zivilisation ausmacht". Zum Beleg seiner These unternimmt der Autor, der mit seinem Buch "sowohl eine historische Untersuchung als auch ein politisches Statement" (11) vorlegen will, drei Schritte.
Im ersten Teil untersucht er die geschichtlichen Hintergründe jenes politischen Ereignisses, das paradigmatisch für den Schulterschluss der beiden Totalitarismen steht: der Hitler-Stalin-Pakt. Gegen die gängige Sichtweise deutet Wolton diesen Bund der feindlichen Systeme nicht als bloßen taktischen Zug Stalins, sondern als Ausdruck eines tiefergehenden gemeinsamen Interesses beider zulasten Dritter. Durch eine Reihe von nun zugänglichen Dokumenten aus bisher unter Verschluss gehaltenen russischen Archiven sieht Wolton seine Sicht bestätigt. Der zweite Teil des Buches befasst sich mit den geistesgeschichtlichen Wurzeln der beiden Ideologien. Hier vermutet der Autor im Scheitern des aufklärerischen Ansatzes, in der unaufhebbaren Dichotomie zwischen den Postulaten der Freiheit und Gleichheit, einen gemeinsamen Grund, aus dem Nationalismus wie Kommunismus erwuchsen. Im nationalen Sozialismus Lasalles und in Sorels Theorie vom Generalstreik floss dann theoretisch wieder zusammen, was im Nationalbolschewismus praktisch fusionierte: die beiden scheinbar einander entgegengerichteten Ideologien, deren Feindschaft doch ihre Verwandtschaft nicht verdecken konnte. Der dritte Teil schließlich wendet sich der Zukunft von Rot-Braun zu, den Gefahren, die nach Ansicht des Autors noch immer vom totalitären Denken ausgehen und keineswegs nur den mittel- und osteuropäischen Raum affizieren. Widerstand gegen die Globalisierung beispielsweise kann zu den merkwürdigsten Koalitionen führen, wenn etwa Neogaullisten und Postmarxisten sich ähnlicher Argumente bedienen oder die linken Kritiker der amerikanischen Hegemonie sich mit proserbischen Nationalisten solidarisieren.
Rot-Braun ist ein kenntnisreich geschriebenes, anregendes und lesenswertes Buch. Merkwürdigerweise scheint es den französischen Intellektuellen vorbehalten zu sein, die Bilanz des zwanzigsten Jahrhunderts mit einer Schonungslosigkeit zu ziehen, die sich von gesellschaftlich fest verankerten Denkverboten nicht beirren lässt.
Barbara Zehnpfennnig (BZ)
Prof. Dr., Professur für Politische Theorie und Ideengeschichte, Universität Passau.
Rubrizierung: 2.25 | 2.312
Empfohlene Zitierweise: Barbara Zehnpfennnig, Rezension zu: Thierry Wolton: Rot-Braun. Hamburg: 2000, in: Portal für Politikwissenschaft, https://www.pw-portal.de/rezension/13007-rot-braun_15586, veröffentlicht am 01.01.2006.
Buch-Nr.: 15586
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Prof. Dr., Professur für Politische Theorie und Ideengeschichte, Universität Passau.
CC-BY-NC-SA