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/ 11.06.2013
Hermann L. Gremliza

Gegen Deutschland. 48 Nestbeschmutzungen

Hamburg: Konkret Literatur Verlag 2000; 207 S.; brosch., 14,32 €; ISBN 3-89458-193-x
Eines muss man Gremliza lassen: Konkret ist er immer. Er nimmt kein Blatt vor den Mund, wenn es darum geht zu kritisieren, was er an und in Deutschland schlecht findet. Und es gibt viel zu kritisieren, im Grunde genommen alles. In seinem polemischen Rundumschlag, dessen einzelne Kapitel aus seinen Kolumnen für die Zeitschrift Konkret seit 1990 bestehen, bekommt mit hoch erhobenem moralischem Zeigefinger alles sein Fett weg, was in irgendeinem Sinne mit Deutschland in Verbindung steht. So wirft e...
Hermann L. Gremliza

Gegen Deutschland. 48 Nestbeschmutzungen

Hamburg: Konkret Literatur Verlag 2000; 207 S.; brosch., 14,32 €; ISBN 3-89458-193-x
Eines muss man Gremliza lassen: Konkret ist er immer. Er nimmt kein Blatt vor den Mund, wenn es darum geht zu kritisieren, was er an und in Deutschland schlecht findet. Und es gibt viel zu kritisieren, im Grunde genommen alles. In seinem polemischen Rundumschlag, dessen einzelne Kapitel aus seinen Kolumnen für die Zeitschrift Konkret seit 1990 bestehen, bekommt mit hoch erhobenem moralischem Zeigefinger alles sein Fett weg, was in irgendeinem Sinne mit Deutschland in Verbindung steht. So wirft er 1990 den bundesdeutschen Neubürgern vor, sich samt und sonders zu Opfern zu stilisieren. Das ist nichts Neues in der deutschen Geschichte und sicherlich ist diese Diagnose nicht ganz falsch. Aber Opfer scheint für Gremliza nur zu sein, wer "aus Maidanek und Treblinka befreit werden musste" (11). Ansonsten gibt es Täter und dazwischen gar nichts. Der Einsatz deutscher Streitkräfte auf dem Territorium des ehemaligen Jugoslawien wird 1995 flugs mit den Aggressionen der Wehrmacht gegen die Serben gleichgesetzt. Der deutschen Presse, die, wie man heute weiß, tatsächlich keine rühmliche Rolle gespielt hat, wird "freiwillige Gleichschaltung" attestiert und Gremliza resümiert sarkastisch, dass dies "die antifaschistische Hoffnung nährt, daß sie [die deutschen Medien] wirklich keinen Goebbels brauchen" (97). In diesem Stil geht es weiter: Grass erhält einen Tritt vors Schienbein (wobei Gremliza bekennt, er habe nie mehr als 30 Seiten der Blechtrommel gelesen), die Grünen, das Bundesverfassungsgericht wegen des Asylurteils und im selben Kapitel die Süddeutsche Zeitung gleich mit. Im Zusammenhang des Buches gelesen sind diese Polemiken geradezu deprimierend. Schade, dass dabei vieles von dem, was zu Recht kritisiert wird, in einem Feuerwerk an moralingetränkter Rechthaberei untergeht. "Nestbeschmutzungen" heißt Gremlizas Buch im Untertitel. Das trifft die Sache sehr gut. Nur scheint dieses "Nest" in Gremlizas Augen schon von vornherein ein so gigantischer Kehrichthaufen zu sein, dass seine Dreckspritzer ohnehin keiner zur Kenntnis nehmen könnte - außer vielleicht denjenigen, die ohnehin im Besitz von Gremlizas Wahrheit sind.
Walter Rösch (WR)
M. A., Politikwissenschaftler.
Rubrizierung: 2.3 Empfohlene Zitierweise: Walter Rösch, Rezension zu: Hermann L. Gremliza: Gegen Deutschland. Hamburg: 2000, in: Portal für Politikwissenschaft, https://www.pw-portal.de/rezension/13062-gegen-deutschland_15651, veröffentlicht am 01.01.2006. Buch-Nr.: 15651 Rezension drucken
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