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/ 11.06.2013
Jens Gieseke

Die hauptamtlichen Mitarbeiter der Staatssicherheit. Personalstruktur und Lebenswelt 1950-1989/90

Berlin: Ch. Links Verlag 2000 (Analysen und Dokumente 20); 615 S.; ISBN 3-86153-227-1
Es hat einen gewissen Symbolwert, dass Giesekes Werk über die hauptamtlichen Mitarbeiter der Staatssicherheit erst Jahre nach der Veröffentlichung zweier dicker Bände über die inoffiziellen Mitarbeiter dieses Geheimdienstes erscheint. Schon bald, "als die größte Gefahr gebannt [war], der Apparat ausgeschaltet und die Mitarbeiter entwaffnet waren, wandte sich das öffentliche Interesse von den MfS-Hauptamtlichen ab. Es verlagerte sich auf die Zuträger, Spitzel und Einflussagenten der Staatssicherh...
Jens Gieseke

Die hauptamtlichen Mitarbeiter der Staatssicherheit. Personalstruktur und Lebenswelt 1950-1989/90

Berlin: Ch. Links Verlag 2000 (Analysen und Dokumente 20); 615 S.; 48,- DM; ISBN 3-86153-227-1
Es hat einen gewissen Symbolwert, dass Giesekes Werk über die hauptamtlichen Mitarbeiter der Staatssicherheit erst Jahre nach der Veröffentlichung zweier dicker Bände über die inoffiziellen Mitarbeiter dieses Geheimdienstes erscheint. Schon bald, "als die größte Gefahr gebannt [war], der Apparat ausgeschaltet und die Mitarbeiter entwaffnet waren, wandte sich das öffentliche Interesse von den MfS-Hauptamtlichen ab. Es verlagerte sich auf die Zuträger, Spitzel und Einflussagenten der Staatssicherheit, die 'inoffiziellen Mitarbeiter' - ihr Dienstkürzel 'IM' sollte alsbald zum Inbegriff aller Aufarbeitung der SED-Diktatur werden." (11) Von knapp 9000 im Vorfeld des 17. Juni 1953 stieg die Mitarbeiterzahl im Laufe der Jahrzehnte auf 91000 im Oktober 1989. In dieser Zeit entwickelte sich der Apparat von einem Überwachungs- und Verfolgungsinstrument sowjetischer Machart zu einer "Universalbehörde für alle Fragen staatlicher Sicherheit" (240). "Ob Missstände in der Frühjahrsbestellung oder Grenzpolizei, Krankenstand in der Republik oder Lagerhaltung der VEB, Kostenverringerung auf Baustellen oder Meldesystem der Volkspolizei, überall sah sich die Staatssicherheit in der Pflicht." (230) Besonders die Entspannungspolitik in den Siebzigerjahren, die neben ideologischen Verunsicherungen wegen der Reiseerleichterungen auch das sorgsam errichtete Abschottungssystem zusammenbrechen ließ, brachte dem MfS einen enormen Zuwachs an Aufgaben und Personal. Durch den unersättlichen "Kaderhunger" gerieten Kommunisten mit Erfahrungen aus dem Widerstand schnell zur Minderheit; aus der "revolutionären" Mobilität der Nachkriegszeit wurden MfS-Standardkarrieren (352). Gieseke verfolgt die Geschichte des "Organs" an seinen Mitarbeitern, ihrer Herkunft und Prägung, dem Bildungsstand und dem sich bildenden "tschekistischen Milieu". Ihm geht es darum, "innere Prozesse als Erklärung für die vierzigjährige Stabilität der Staatssicherheit und ihr jähes Ende aufzudecken" (37). Ganz nebenbei räumt der Autor mit einigen weit verbreiteten Fehlurteilen über die Mitarbeiter des MfS auf, so etwa ihrer vermeintlichen Intellektualität, die selbst Verhaftete ihren Vernehmern häufig zuschrieben. Besonders in den Aufbaujahren war die mangelnde Bildung ein Problem, da die neu rekrutierten Mitarbeiter vorrangig aus bislang unterprivilegierten Schichten kamen und politische Zuverlässigkeit stets das entscheidende Kriterium blieb. Die Bildungsoffensive der Sechzigerjahre brachte zwar eine "erkennbare Professionalisierung und Modernisierung des Apparates" (260), doch der völlige Verlust der Handlungsfähigkeit im Herbst 1989 machte die jahrzehntelang betriebene Negativauslese allzu deutlich. Eine zu vermuten kritische Reformelite innerhalb der Staatssicherheit erscheint nach der Lektüre von Giesekes Buch ebenso abwegig wie die vermutete Steuerung der 89er-Revolution durch das Ministerium. Die eingeschliffene Routine der Repression nutzte in der aktuellen Situation wenig (514). Nach der Kapitulation des Hirns waren auch Schild und Schwert nicht mehr zu gebrauchen. Inhaltsübersicht: I. Einleitung: Das Personal der Staatssicherheit - Konturen eines Problemfeldes; II. Vom NKWD zur Hauptverwaltung zum Schutz der Volkswirtschaft 1945 bis 1950; III. Bildung und Aufbau der Staatssicherheit als stalinistische Geheimpolizei 1950 bis 1953; IV. Zwischen Junischock und Entstalinisierung 1953 bis 1957; V. Transformation zur modernisierten Repressionsbürokratie 1958 bis 1967; VI. Expansion in der Entspannung 1968 bis 1982; VII. Auf dem Weg in die Finalitätskrise 1983 bis 1989; VIII. Das Ende des MfS 1989/1990; IX. Resümee: Wer war die Staatssicherheit?
Henry Krause (HK)
Dipl.-Politologe, Referatsleiter, Sächsische Landeszentrale für politische Bildung, Dresden.
Rubrizierung: 2.3142.315 Empfohlene Zitierweise: Henry Krause, Rezension zu: Jens Gieseke: Die hauptamtlichen Mitarbeiter der Staatssicherheit. Berlin: 2000, in: Portal für Politikwissenschaft, https://www.pw-portal.de/rezension/13048-die-hauptamtlichen-mitarbeiter-der-staatssicherheit_15636, veröffentlicht am 01.01.2006. Buch-Nr.: 15636 Rezension drucken
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