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Redaktionelle Einführung

Michael Wolff bereitet auf der Basis der letzten 77 Amtstage Trumps die Vorgeschichte des Sturms auf das US-Kapitol, auch anhand von Insider-Berichten, auf. All dies berührt für Michael Kolkmann im Kern auch die Frage, inwiefern eine politisch unerfahrene, umstrittene Person wie Donald Trump das Amt der US-amerikanischen Präsidentschaft veränderte? Und inwieweit er in seinem Handeln von den Grenzen der Amtsausübung beeinflusst wurde? Unser Rezensent empfiehlt daher das Buch ergänzend zur aktuellen US-Berichterstattung zu den noch andauernden Untersuchungen. (tt)

 


Rezension

77 Tage: Amerika am Abgrund: Das Ende von Trumps Amtszeit

Eine Rezension von Michael Kolkmann

Seit mehreren Wochen bemühen sich die Abgeordneten des US-Kongresses in Washington zu ergründen, was genau rund um den 6. Januar 2021 passiert ist, als ein Mob von mehreren tausend Menschen das Kapitolsgebäude in Washington D.C. stürmte. Im Rahmen dieser Anhörung sind zahlreiche neue Details öffentlich geworden, insbesondere zur Rolle von Ex-Präsident Donald Trump im Vorfeld dieser Ereignisse. Andere Details waren bereits bekannt, und das liegt an Büchern wie „77 Tage“ (im Original „Landslide“) des US-amerikanischen Journalisten Michael Wolff, der damit seine Trump-Trilogie abschließt, nachdem er bereits in seinen Werken „Feuer und Zorn“ und „Unter Beschuss“ das Innenleben der Trump-Administration ausleuchtete.

Beim Titel des Buchs handelt es sich um einen Verweis auf dessen zentralen Gegenstandsbereich, nämlich auf die 77 Tage zwischen der Wahl Joe Bidens zum 46. Präsidenten der Vereinigten Staaten am 3. November 2020 und dessen Amtseinführung am 20. Januar 2021. Aber natürlich spannt Wolff den inhaltlichen Bogen deutlich weiter und geht teilweise bis zum Sommer des Wahljahrs 2016 zurück. Ebenso ist auch das zweite Impeachment-Verfahren gegen Trump, das erst nach dessen Abschied aus dem Weißen Haus stattfand, Teil von Wolffs Buch.

Die Episoden und Ereignisse, die Wolff zusammenträgt, verdichten sich zu einem alles andere als schmeichelhaften Porträt eines US-Präsidenten, dem es nicht gelinge, einen irgendwie geordneten Regierungsprozess zu installieren, sondern der, abhängig von Stimmungsschwankungen, auf wenige persönliche Freunde hört, die ihn mehr oder weniger durchgehend in dem bestärken, was er ohnehin glaube. Quasi auf einer Metaebene wird eine zentrale, für die politikwissenschaftliche Forschung äußerst interessante und relevante Frage sichtbar, ohne dass Wolff diese explizit thematisiert, nämlich: Wie verändert eine politisch komplett unerfahrene, dafür aber umso kontroversere, Person wie Donald Trump das Amt der US-amerikanischen Präsidentschaft? Und inwieweit wird er in seinem Handeln von den Limitationen dieses Amts beeinflusst? Kurz: Sind institutionelle Strukturen der zentrale Analyserahmen für politische Prozesse und Entscheidungen oder doch eher akteurstheoretische Bestimmungsfaktoren? „The presidency versus the president“ titelte die New York Times am 9. Dezember 2017 in ihrer Printausgabe mit Blick auf den damals neuen Amtsinhaber. Veränderte Trump also das Amt des US-Präsidenten stärker als dass er von diesem Amt beeinflusst wurde? Eine ultimative Einschätzung dieses Themas beziehungsweise eine abschließende Beantwortung dieser Frage steht noch aus.

Wolff betont einleitend: „Trumps ganze Präsidentschaft war das Gegenteil von guter Regierung und normaler Funktionalität eines Staatsapparats, doch in seinen letzten Tagen entfernte er sich um einen weiteren Quantensprung von jeglichem System, das ihm Unterstützung oder Wahlerfolge hätte bieten können – und sei es nur ein erschwindeltes oder fingiertes Resultat“. Und er fährt fort: „Trumps wahrer Anschlag auf die Normen der Demokratie war gewesen, dass er Organisation, Strategie, Methode, rationales Denken und bewusste Entscheidungsfindung aus der höchsten Regierungsebene verbannte“ (12).

Wolff zeichnet ein detailliertes Bild der internen Abläufe der Regierungszentrale, in der persönliche Bekanntschaften oder Fernsehauftritte größeren Einfluss ausgeübt hätten, als die dafür intern vorgesehenen Strukturen und Prozesse innerhalb des Weißen Hauses: „[E]in großer Teil der Geschäfte des Weißen Hauses unter Trump wurde durch einsame Beschlüsse und den Griff zum Hörer bestimmt oder beeinflusst“ (34). Demnach habe sich „Trumps gesamtes Weltbild […] nach dem aus[gerichtet], was er im Fernsehen sah“ (53). An späterer Stelle kommt Wolff auf diese Beobachtung zurück: „[W]as im Fernsehen kam, hinterließ bei ihm größeren Eindruck als das, was man ihm sagte, was er von den Geheimdiensten erfuhr oder was allgemein bekannte Tatsachen waren“ (154). Mehr noch: Fernsehen „war für ihn das wirklich wichtige Schlachtfeld und Selbstzweck. Deshalb zählten nicht die politische Debatte oder Schachzüge der Legislative, sondern der Auftritt im Fernsehen und der Eindruck, den man damit hinterließ“ (155).

Ausführlich wird im Buch der Knackpunkt der gesamten Auseinandersetzung um den Wahlausgang geschildert: Wie konnte aus dem Moment der Aussichtslosigkeit aller Reklamationsversuche eine Entwicklung werden, die im Sturm auf das Kapitol am 6. Januar 2021 einen noch nicht dagewesenen Höhepunkt erfahren hat? Wolff identifiziert zwei unterschiedliche Lager im Weißen Haus, die wie zwei unterschiedliche Entscheidungszentren fungierten: So habe es konkurrierende Machtzentralen inner- wie außerhalb des Weißen Hauses gegeben, die Insider und die Outsider: „Die Insider zumindest planten eine einigermaßen normale Zukunft und hatten auch wirklich schon damit begonnen, ihre Version von Normalität durchsickern zu lassen – nichtsahnend von den anderen Gesprächen, die der Präsident führte, oder zumindest nichts von deren Ausmaß […]. Sie ließen die Medien wissen, dass Fakten und Vernunft, zumindest für ein paar von ihnen, noch existierten“ (115). Laut Wolff begriffen die Insider „das Wesen der politischen Niederlage“ (131). Die Outsider dagegen hätten auf eine „alternative Sichtweise“ (101) gesetzt, auf Fakten, Daten und Zahlen: „Das einzige Spiel, das die Außenseiter, ohne jede Rücksicht auf Sinn und Verstand, spielen konnten, war, Donald Trump zu erzählen, was er hören wollte, und dies noch eindringlicher zu tun als all die anderen, die ihm auch erzählten, was er hören wollte“ (117).

Wolff beschreibt anhand vieler Beispiele, wie Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter der Trump-Administration sich nicht getraut hätten, ihm die Wahrheit beizubringen, mochte es den konkreten Wahlausgang oder generell andere Themenfelder betreffen – aus Furcht vor dessen Ausfällen. Damit befeuerten sie beim US-Präsidenten die Überzeugung, dass er richtigliege und alle Welt sich gegen ihn verbündet habe. Dem Buch ist zu entnehmen, dass es gerade rund um die Wahlnacht von 2020 sowie in den darauffolgenden Tagen und Wochen „starker Nerven bedurfte, Trump schlechte Zahlen zu überbringen, Nerven, die so gut wie niemand hatte. Selbst interpretationsbedürftige Zahlen warfen ein Licht auf die Schwächen der Person, die sie überbrachte. Infolgedessen wurden alle Zahlen, die Trump berichtet wurden, zu Trump-Zahlen – also für Trump gute Zahlen“ (102).

Mit der zunehmenden Fokussierung auf „the Steal“, also auf die Behauptung, dass die Demokraten Trump den Wahlsieg entrissen hätten, sei eine wie auch immer geordnete Regierungsarbeit komplett zum Erliegen gekommen:„Jetzt hatte er jegliches Interesse am Regieren aufgegeben, er täuschte es nicht einmal mehr vor. Die Anfechtung der Wahl, bei der es um sein Überleben ging, machte alles andere bedeutungslos. Alle täglichen Besprechungen wurden abgesagt, selbst wenn es die nationale Sicherheit betraf. Alle Versuche, Trumps Aufmerksamkeit auf die Pandemie, die Impfstrategie oder wesentliche Geheimdienstinformationen zu lenken, schlugen fehl. Und es bestand überhaupt keine Chance, ihn dazu zu bringen, sich mit der Amtsübergabe zu beschäftigen oder auch nur darüber zu sprechen. Außerdem hatte er die Kommunikation mit der Senatsführung abgebrochen“ (191).

Deutlich werde das völlige Fehlen von Bemühungen des Weißen Hauses, auf Abgeordnete und Senatoren einzuwirken; man habe dort nichts über die legislativen Verfahren und die Strukturen des Parlamentes gewusst. Gerade das Verhältnis zur Senatsfraktion, insbesondere zum Fraktionsvorsitzenden Mitch McConnell, wird im Buch leider nur am Rande gestreift und hätte definitiv mehr Platz in Anspruch nehmen müssen. Sehr viel ausführlicher dokumentiert Wolff die Versuche Trumps, den Vizepräsidenten Mike Pence dazu zu bringen, am 6. Januar bei der entscheidenden Sitzung im US-Kongress die Ergebnisse der Wahl anzufechten und sie stattdessen in Trumps Sinne zu entscheiden: „Pences geradezu unvorstellbares Kunststück, eine freundliche Beziehung zum Präsidenten aufrechtzuerhalten, ohne gleichzeitig direkt in seine scheelen, launischen und, tatsächlich, anklagbaren Handlungen involviert zu sein, stand nun vor seinem schwierigsten Balanceakt“ (244). Hier konstatiert Wolff „ein merkwürdiges, ein neuartiges Moment in der Präsidentschaft Trumps: der Vizepräsident, der für sich selbst einstand“ (258).

Ungewöhnlich ist Wolffs Verzicht auf jegliche Quellenangaben. Spannend zu lesen ist das Buch vor allem, weil es an vielen Stellen einer Art Minutenprotokoll gleicht. Diese Vorgehensweise erzeugt einen unvermittelten Eindruck. Wolff sieht seine Rolle eher als Chronist, denn als Erklärer, der die geschilderten Ereignisse und Entwicklungen in größere Zusammenhänge verortet. Sein Urteil, das immer wieder durchscheint, bezieht sich vor allem auf Einschätzungen der einzelnen Beteiligten und weniger auf strukturelle Aspekte des politischen Geschehens in den Vereinigten Staaten.

Angesichts der erwähnten und derzeit laufenden Anhörungen im US-Kongress lässt sich abschließend konstatieren: Die Geschichte des Aufstands vom 6. Januar 2021 muss nicht völlig neu geschrieben werden, aber aktuell wurden und werden deutlich mehr Details bekannt, als diejenigen, die sich in Wolffs Buch finden. Wer auch die Vorgeschichte des Aufstands in den Blick nehmen und diese vor allem aus der Perspektive des Oval Office betrachten möchte, der ist mit dem Buch von Michael Wolff gut bedient.

Verfasst von:

Michael Kolkmann

Erschienen am:

27. Juli 2022

Michael Wolff

77 Tage: Amerika am Abgrund: Das Ende von Trumps Amtszeit

Hamburg, Rowohlt-Verlag 2021

Rezension

Annika Brockschmidt

Amerikas Gotteskrieger. Wie die Religiöse Rechte die Demokratie gefährdet

Hamburg, Rowohlt Verlag 2021

Annika Brockschmidt porträtiert die Religiöse Rechte in den USA – ein Sammelbecken, das extreme politische Rechte, christliche Evangelikale und wirtschaftsliberale Kräfte umfasse, so Rezensent Volker Stümke. Sie verbinde die Überzeugung von der „White Supremacy“. Deren Protagonist*innen, Organisationen (vom Ku-Klux-Klan bis zur Tea-Party-Bewegung) und Argumente werden vorgestellt. Es handele sich um eine politische, keine rein religiöse Bewegung, die einen christlichen Nationalismus vertrete. Für die Autorin sei der Sturm auf das Kapitol als Reaktion auf die Wahlniederlage Donald Trumps keine Überraschung gewesen. 

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Rezension

Stephan Bierling

America First. Donald Trump im Weißen Haus: Eine Bilanz

München, C.H. Beck 2020

Rezensent Arno Mohr nimmt das Buch von Stephan Bierling, Professor für Internationale Beziehungen in Regensburg, zum Anlass, essayistisch auf die zurückliegende Regentschaft Donald Trumps zu blicken und sein Handeln unter den Schlagwörtern Byzantinismus und Caesarismus zu erörtern. Diese Prinzipien habe sich Trump zur Maxime seines Regierungshandelns beziehungsweise seiner -rhetorik gemacht. Bierling untermauere anhand zahlreicher Beispiele, dass sich Trumps Geltungssucht sowohl in der Innen- als auch der Außenpolitik gezeigt habe – zum Teil habe sie sich jedoch als kontraproduktiv erwiesen. 

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Digirama

Laura von Daniels im Interview mit Jessica Wiener
Genügend Belege gegen Trump
Rundfunk Berlin Brandenburg (RBB), RBB 24 Inforadio, 2. Juli 2022


Geoffrey Kabaservice
Eine Partei liefert sich aus
IPG-Journal, 6. Mai 2022

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