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Rezension

Jahrbuch Terrorismus 2015/2016
Im Fokus: Islamischer Staat und rechte Radikalisierung in Osteuropa

Wenig überraschend steht der sogenannte Islamische Staat (IS) im Mittelpunkt zahlreicher Beiträge dieser Ausgabe des Jahrbuches Terrorismus, das das Institut für Sicherheitspolitik an der Universität Kiel (ISPK) herausgibt. Im einleitenden Beitrag wird die Entwicklung des IS anschaulich skizziert und manche der Nachrichten der zurückliegenden Jahre wieder in Erinnerung gerufen: Nach dem Bruch mit Al-Kaida, mit dem er ideologisch prinzipiell übereinstimmt, versuchte der IS, ein Staatsgründungsprojekt direkt und unmittelbar anzugehen. Dies schien auch zunächst ein erfolgversprechender Weg, gelang es doch dem IS in rascher Folge, zahlreiche Städte im Irak und in Syrien unter seine Kontrolle zu bringen und damit eine kaum zu stoppende, beachtliche internationale Freiwilligenmobilisierung auszulösen.

Im Jahrbuch findet sich eine Reihe von Beiträgen, die den einzelnen Aspekten der bewaffneten Auseinandersetzungen mit dem IS gewidmet sind. So stellt Pascal Andresen die Rolle und Bedeutung christlicher Milizen in Syrien vor, während Michael Rohschürmann die unterschiedlichen Interessen der im Irak agierenden Akteure aufzeigt. Er prognostiziert, dass auch mit einer militärischen Niederlage des IS allein weder der Irak militärisch befriedet noch der IS als Terrorstruktur mit internationalem Unterstützerumfeld beseitigt oder handlungsunfähig sein werden.

Besonders hervorzuheben ist auch der Beitrag von Müzehher Selcuk, sie nimmt die komplizierte(n) Bündniskonstellation(en), innerhalb derer die syrischen Kurden gegen den IS kämpfen, in den Blick. Curti Covi verdeutlicht die Präsenz und Relevanz apokalyptischer beziehungsweise millenaristischer Vorstellungen in der Ideologie des IS, die von einem Großteil seiner Anhängerschaft auch tatsächlich geglaubt wird. Covi erläutert, dass gerade die aktuelle, „durch den IS geprägte dritte Dschihad-Generation sich noch mehr als bisher auf einer irrationalen Ebene situiert, in der der Heilige Krieg [...] zum Selbstzweck im Kampf gegen alles ‚Ungläubige‘ wird“. Dieser Krieg finde in Erwartung der Apokalypse und dem folgenden Sieg des Islams statt. „Die frappierende Distanz zum posthistorischen, postheroischen Denken in westlichen Gesellschaften macht es“, so Covi, „deshalb so schwer, dieses Phänomen auf akkurate Weise zu erfassen und zu verstehen. Unsere Gesellschaften leben in der Geschichte; die Dschihadisten leben in der millenaristischen Apokalypse.“ (75)

Es finden sich weitere Beiträge zum Komplex islamistischer Terrorismus, so etwa zum IS in Libyen (Marie-Theres Beumler), zur Lage im Jemen und der dort recht erfolgreichen Struktur Al Quaida on the Arabian Peninsular (AQAP) (Thomas Müller) oder zum Beispiel zum islamistischen Terrorismus in Ostafrika. Es ist zu befürchten, dass der Terror nicht hauptsächlich auf Somalia und Kenia beschränkt bleibt, sondern, wie Kai Strell bilanziert, sich auch Tansania zunehmend „zu einem weiteren ‚Hot-Spot‘ entwickeln könnte“ (283).

In weiteren Beiträgen des Sammelbandes geht es unter anderem um Fragen des Rechtsterrorismus. Armin Pfahl-Traughber beleuchtet in einer vergleichenden Betrachtung anhand skandinavischer Beispiele das „Lone-Wolf“-Phänomen im Rechtsterrorismus und Miroslav Mareš betrachtet die gegenwärtige extrem rechte Radikalisierung in Osteuropa. Die militante rechtsextreme Szene befinde sich in einigen Staaten im Zeichen verschiedener Krisenerscheinungen deutlich im Aufwind, so vor allem in der Ukraine, aber auch in anderen Ländern. Die „größte und unmittelbarste Gefahr“, so der Autor, liege aktuell „in der steigenden gesellschaftlichen Akzeptanz der alltäglichen Bedrohung von Andersdenkenden, in der Normalisierung einer Existenz nichtstaatlicher paramilitärischer und vigilantischer Gruppierungen sowie in der schrittweisen Verflechtung von Teilen der Staatsmacht mit rechtsextremistischen Strukturen“ (94). Fazit: Auch der aktuelle Band des Jahrbuches Terrorismus besticht wieder durch seine Fülle an differenzierten Analysen und Beschreibungen zeitgenössischer Terrorismusphänomene.

Verfasst von:

Christoph Kopke

Erschienen am:

5. Juli 2017

Stefan Hansen / Joachim Krause (Hrsg.)

Jahrbuch Terrorismus 2015/2016

Herausgegeben vom Institut für Sicherheitspolitik an der Universität Kiel gGmbH (ISPK). Opladen u. a., Verlag Barbara Budrich 2017 (Jahrbuch Terrorismus 7)

Aus der Annotierten Bibliografie

Stefan Hansen / Joachim Krause (Hrsg.)

Jahrbuch Terrorismus 2013/2014

Opladen u. a.: Verlag Barbara Budrich 2014 (Jahrbuch Terrorismus 6); 463 S.; 36,- €; ISBN 978-3-8474-0115-5
Entgegen der landläufigen Wahrnehmung, terroristische Aktionen gehörten als gelegentliche Ereignisse zu modernen Gesellschaften dazu, plädiert Joachim Krause in einem diese Ausgabe des Jahrbuches einleitenden Beitrag für eine andere Sicht. Bei dem weltweiten jihadistischen Terrorismus handele es sich um einen „langen Krieg“, „den ein transnationales radikal‑islamistisches Netzwerk gegen den Rest der Welt führt“ (15). Dieser Krieg werde hauptsächlich in muslimischen ...weiterlesen


Institut für Sicherheitspolitik an der Universität zu Kiel (ISPK) (Hrsg.)

Jahrbuch Terrorismus 2011/2012

Opladen u. a.: Verlag Barbara Budrich 2012; 467 S.; 36,- €; ISBN 978-3-8474-0011-0
Dieses fünfte Jahrbuch des Instituts für Sicherheitspolitik der Universität Kiel zeigt, dass die Zahl der terroristisch motivierten Anschläge – von islamistischen bis hin zu denen des Rechtsterrorismus – in den fünf Jahren vor 2011 kontinuierlich rückläufig war, wobei auch die Anzahl der Todesopfer abnahm. Neben generellen Trends befassen sich die Autoren außerdem mit verschiedenen Regional‑ und Länderanalysen, mit Fragen der Terrorismusbekämpfung sowie mit theoretischen und methodologischen Aspekten der ...weiterlesen


Institut für Sicherheitspolitik an der Universität Kiel (ISUK) (Hrsg.)

Jahrbuch Terrorismus 2010

Opladen/Farmington Hills: Verlag Barbara Budrich 2011; 392 S.; 36,- €; ISBN 978-3-86649-421-3
Sich einem so komplexen Thema wie dem internationalen Terrorismus zu widmen, ist ein schwieriges Unterfangen. Für das Jahrbuch bedeutet die schiere Komplexität der damit angesprochenen Phänomene, auswählen zu müssen. Neben einem Überblick über gegenwärtige wie künftige strategische und politische Herausforderungen durch terroristische Aktivitäten wird daher eine Auswahl präsentiert, die auf drei Säulen basiert; vorgestellt werden einige wenige „Allgemeine Trends und Probleme“, einige...weiterlesen


Institut für Sicherheitspolitik an der Universität Kiel (ISPK) (Hrsg.)

Jahrbuch Terrorismus 2009

Opladen/Farmington Hills: Verlag Barbara Budrich 2010; 350 S.; 29,90 €; ISBN 978-3-86649-258-5
Ziel des Jahrbuchs 2009 ist es, die strukturellen Hintergründe des Terrorismus und insbesondere des islamischen Extremismus zu analysieren. Drei Schwerpunkte gliedern den Band: Auf der Basis der Datensammlung des Instituts für Sicherheitspolitik an der Universität Kiel (ISPK) werden alle terroristischen Vorkommnisse des Jahres 2008 verzeichnet, kategorisiert und ausgewertet. Die Liste der weltweit vom Terrorismus am stärksten betroffenen Länder wird von Irak, Afghanistan und Pakistan angeführt. ...weiterlesen


Institut für Sicherheit an der Universität Kiel (ISUK) (Hrsg.)

Jahrbuch Terrorismus 2007/2008

Opladen/Farmington Hills: Verlag Barbara Budrich 2008; 259 S.; 24,90 €; ISBN 978-3-86649-197-7
Für das Jahr 2007 ermittelte das ISUK für seine Datenbank weltweit mehr als 5.000 terroristische Anschläge, die rund 21.000 Todesopfer und 28.000 Verletzte mit sich brachten. Damit bleibt die terroristische Bedrohung gegenüber dem Vorjahr weiter auf hohem Niveau bestehen, lautet der einleitende Befund von Joachim Krause. Zu den weiteren globalen Trends in der Entwicklung des Terrorismus, die mit diesem Jahrbuch beschrieben und analysiert werden, zählt zum einen das Wiedererstarken von Al Kaida, ...weiterlesen


 

Institut für Sicherheitspolitik an der Universität Kiel (ISUK) (Hrsg.)

Jahrbuch Terrorismus 2006

Opladen/Farmington Hills: Verlag Barbara Budrich 2007; 259 S.; 24,90 €; ISBN 978-3-86649-132-8
Im Jahr 2006 haben terroristische Aktivitäten, sowohl was die Zahl der Anschläge als auch der Opfer betrifft, gravierend zugenommen. Seit dem Ende des Zweiten Golfkriegs im Irak (2003) hat sich die Zahl der weltweiten Anschläge pro Jahr mehr als verdreifacht, die Zahl der Opfer sogar fast versechsfacht. Ausgehend von diesem von Joachim Krause eingangs vorgestellten Befund gibt das Jahrbuch einen Überblick über die aktuellen terroristischen Krisenherde (Irak, Libanon, Tschetschenien, Afghanistan,...weiterlesen

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