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Eric Schröter

Zur Entstehung der Kontrollgesellschaft im deutschen Bildungssystem

Frankfurt a. M. u. a.: Peter Lang 2012 (Europäische Hochschulschriften: Reihe XXXI, Politikwissenschaft 614); 146 S.; 24,80 €; ISBN 978-3-631-63800-2
Schröter kontrastiert Michel Foucaults Analyse der Disziplinargesellschaft mit den Überlegungen zu Kontrollgesellschaften von Gilles Deleuzes, um Unterschiede zwischen beiden theoretischen Ansätzen herausarbeiten. Die so gewonnenen Erkenntnisse zum Typus und den „strukturbestimmenden Machttechnologien“ (10) der Kontrollgesellschaft werden dann an einem empirischen Fallbeispiel – den „Empfehlungen des Forums Bildung“ von 2002 – überprüft. Die Überlegungen Foucaults und Deleuzes sezieren messerscharf die Mechanik menschlicher und damit politischer Interaktion. Vor diesem Hintergrund ist Schröters theoretischer Rückgriff durchaus erhellend – insbesondere, wenn er die Charakteristika der Kontrollgesellschaft herausarbeitet. Dazu zählen folgende Merkmale: „Machtökonomie“, „Einschließung im Subjekt“, „Materialisierung der Zeit“, „Responsabilisation“, „Imperative der Sichtbarkeit“ und „Modulation“ (84 ff.). Bereits diese Aufzählung lässt die Anknüpfungs- und Übertragungsmöglichkeiten auf das (deutsche) Bildungssystem erkennbar werden. Bildung werde immer stärker dem Produktivitätsimperativ und ökonomischen Verwertungsinteressen unterworfen, schreibt Schröter. Dies erfolge auf eine sehr subtile Weise, da der Mensch durch eine „Zergliederung des Selbst in Module“ sowie die beständige Arbeit in Projekten zu einem „Dividuum“ (84) mutiere. Aufgrund der Kleinteiligkeit dieser Bildungs- und Arbeitskontexte werden nicht nur Kompetenzen, Skills, Flexibilität und Kreativität des Einzelnen beständig für Dritte überprüfbar. Vielmehr internalisiere das Individuum diese Rahmenbedingungen so sehr, dass es zu einer permanenten inneren Disziplinierung mit Blick auf diese Fähigkeiten komme. Auch wenn Schröter explizit nicht zeigen will, „in welchem Maße und von wem die Umsetzung der neuen Techniken und Strategien [der Kontrollgesellschaft] eingefordert, legitimiert oder tatsächlich durchgeführt wird und welche sinistren Mächte am Schalthebel der Diskurshegemonie sitzen“ (11), so kann man sich bei der Lektüre leider nicht gänzlich des Eindrucks erwehren, dass das deutsche Bildungswesen einer dunklen Okkupation unterliegt. Dies gründet in einer Schwäche der verwendeten theoretischen Ansätze: Ihre systemisch-institutionelle Schlagseite vernachlässigt die Akteursdimension und vermag nicht befriedigend zu erklären, warum Mechanismen der Kontrollgesellschaft – auch im Bildungswesen – eine solche Dominanz erlangen.
Henrik Scheller (HS)
Dr. phil., Dipl.-Politologe, wiss. Mitarbeiter, Wirtschafts- und Sozialwissenschaftliche Fakultät, Lehrstuhl Politik und Regieren in Deutschland und Europa, Universität Potsdam.
Rubrizierung: 5.42 | 2.343 Empfohlene Zitierweise: Henrik Scheller, Rezension zu: Eric Schröter: Zur Entstehung der Kontrollgesellschaft im deutschen Bildungssystem Frankfurt a. M. u. a.: 2012, in: Portal für Politikwissenschaft, http://pw-portal.de/rezension/35326-zur-entstehung-der-kontrollgesellschaft-im-deutschen-bildungssystem_42546, veröffentlicht am 23.08.2012. Buch-Nr.: 42546 Inhaltsverzeichnis Rezension drucken