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Birger P. Priddat (Hrsg.)

Zu wenig Kapitalismus?

Marburg: Metropolis-Verlag 2011; 332 S.; 22,80 €; ISBN 978-3-89518-837-4
Die globale Wirtschafts- und Finanzkrise hat den Glauben an ein unversiegbares Wirtschaftswachstum nachhaltig erschüttert. Die sozioökonomischen Folgen der Krise haben dafür gesorgt, dass allenthalben Forderungen nach neuen Regulierungsinstitutionen zu vernehmen sind. Sogar innerhalb der Volkswirtschaft, die vor wenigen Jahren noch mit einer Stimme zu sprechen schien, ist man sich uneins, welcher Weg der richtige ist, um die Krise zu dämpfen und das unverzichtbare Systemvertrauen wiederherzustellen. Selbst über alternative Wirtschaftsordnungen wird hier und da wieder laut nachgedacht. Letzteren erteilen die Autoren des Sammelbandes eine strikte Absage. Sie sind der Ansicht, dass die „Änderung des Kapitalismus kapitalistisch geschehen wird“ und geschehen sollte; statt „unterkomplexer“ (332) „Alternativen zum Kapitalismus“ fordern sie seine Entfaltung, die von einer „intelligenten Transformation“ (8) begleitet werden müsse. Die einzelnen Kapitel sind u. a. dem Verhältnis von Kapitalismus und Wissensgesellschaft, dem Netzwerkkapitalismus und der Frage der gesellschaftlichen Aufgabe von Unternehmen gewidmet. Die Autoren unterstreichen jeweils das dynamische Potenzial sowie die Innovations- und Anpassungsfähigkeit des Kapitalismus, warnen aber auch vor den Risiken der Finanzspekulation. Den Band beschließt eine bemerkenswerte Utopie Priddats, die in weiten Teilen an Anthony Giddens Projekt des „Dritten Weges“ erinnert: Sogenannte „Komplexitätsagenten“ (332) sollen die intelligente Renovierung des Kapitalismus überwachen und gegebenenfalls steuernd eingreifen. Hinter dem Schleier dieses vermeintlich intelligenten Risikomanagements entfaltet sich jedoch ein als alternativlos deklariertes postdemokratisches Szenario. Im Zuge der Transformation des Kapitalismus, so Priddat, müsse auch die „Demokratie als dominante Form der Politik neu überdacht werden: um die Nachhaltigkeit, die die Systemprojekte fordern, zu gewährleisten, [sollten] wir Formen längerfristiger und strategiefähiger Politik suchen“ (331).
Marius Hildebrand (HIL)
M. A., Politikwissenschaftler, Doktorand, Fakultät für Wirtschafts- und Sozialwissenschaften, Universität Hamburg.
Rubrizierung: 2.22 | 2.2 Empfohlene Zitierweise: Marius Hildebrand, Rezension zu: Birger P. Priddat (Hrsg.): Zu wenig Kapitalismus? Marburg: 2011, in: Portal für Politikwissenschaft, http://pw-portal.de/rezension/33350-zu-wenig-kapitalismus_39892, veröffentlicht am 08.09.2011. Buch-Nr.: 39892 Inhaltsverzeichnis Rezension drucken