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Yascha Mounk: Das große Experiment. Wie Diversität die Demokratie bedroht und bereichert

27.10.2022
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Autorenprofil
Prof. Dr. Rainer Lisowski
München, Droemer Verlag 2022

Noch nie gab es Gesellschaften, die so vielfältig und zugleich demokratisch waren, wie es in den heutigen liberalen Verfassungsstaaten der Fall ist. Kann das gut gehen? Yascha Mounk bejaht dies, obwohl es an historischen Beispielen hierfür mangele. Rainer Lisowski hat für uns seine Streitschrift gelesen. In dieser hält Mounk den pessimistischen Stimmen, sowohl von rechts als auch von links, entgegen, dass ein liberales Gemeinwesen – metaphorisch gesprochen – wie ein öffentlicher Park sei, den die Bürgerinnen und Bürger gemeinsam nutzten. Trotz multipler Identitäten und mittels Kulturpatriotismus. (tt)

Eine Rezension von Rainer Lisowski

Die Wahlen in Schweden und Italien im September 2022 waren für viele ein Schock: Mit jeweils mehr als 20 Prozent wurden die rechtspopulistischen Schwedendemokraten und die Fratelli d’Italia zweitstärkste, respektive stärkste Kraft in den jeweiligen Parlamenten. Erklärte Gegnerinnen und Gegner von Migration, von diversen Gesellschaften und von sogenannter gendergerechter Sprache überzeugten jeden fünften Schweden/jede fünfte Schwedin und noch mehr Italienerinnen und Italiener davon, ihnen die Stimme zu geben. Gerade linksliberal orientierten Medien konnte man die Ratlosigkeit in der Interpretation der Ergebnisse anmerken.

Diese Wahlen werfen also Fragen auf, wie etwa: In welchen Gesellschaften wollen wir leben? Wie viel „bunt“ verträgt eine Demokratie? Wie viel Migration verträgt ein auf dem Nationalstaat basierender Sozialstaat? Wie viel symbolische Gerechtigkeit ist im Alltag zumutbar? Diese Fragen beschäftigen seit einigen Jahren viele westliche Demokratien. Yascha Mounk hat nun ein kluges populärwissenschaftliches Buch zu dem Thema vorgelegt, sein Titel trifft es gleich dreifach: Die Formulierung „das große Experiment“ macht von Anbeginn deutlich, dass die derzeitigen Veränderungen tiefgreifend und auch beispiellos sind. Experimente sind immer mit Wagnissen verbunden, sie können schiefgehen.[1] Genau hier setzt der Untertitel an: „Wie Diversität die Demokratie bedroht“; der zweite Treffer, denn Mounk räumt bereits eingangs ein, dass es wenig Sinn ergebe, Probleme mit einem lustigen, aber unterkomplexen „So geht Deutschland“ beiseite fegen zu wollen. Der Autor macht klar: Wer ernsthaft eine offene und auch eine diverse Gesellschaft wolle, der müsse sich der ganz realen Probleme, die Diversität nun einmal mit sich bringt, bewusst sein und müsse sich auch die Schattenseiten eingestehen. Der dritte Treffer des Titels aber ist die optimistische Wendung im Untertitel. Auf „Wie Diversität die Demokratie bedroht“ folgt ein „und bereichert“. Mounk macht ebenso deutlich, dass er eine diverse Demokratie für möglich und auch für erstrebenswert hält.

Seine bereits im Titel angelegte Argumentation spiegelt sich auch in der Gliederung des etwa 280 Seiten umfassenden Buches wider. Der erste Abschnitt (36-104) befasst sich in drei Kapiteln mit dem Scheitern diverser Gesellschaften. Diese Kapitel sind eher empirisch ausgerichtet. Der zweite Abschnitt argumentiert in vier Kapiteln dagegen eher normativ: Welche Zukunft sollten diverse Demokratien anstreben (105-197)? Der dritte Abschnitt ist ein positiv in die Zukunft gewendeter Blick: Wie können diverse Demokratien gelingen (198-278)?

Mounk will mit seinem Buch gegen den Pessimismus beider Lager anschreiben. Sowohl gegen das des linksidentitären Fatalistismus, das die westlichen Systeme als durch und durch rassistisch ansehe, wie auch gegen rechtsidentitäre Fremdenfeindlichkeit. Beide formen für ihn das „Lager der Pessimisten“ (22 f.) – und mit diesem sei nur schwer eine positive Vision zu entwickeln. Immer wieder richtet er sich als Optimist gegen einen „modischen Pessimismus“ (196). Bei den stets wieder aufflammenden Diskussionen um die Rolle der Sprache etwa rät er zu Gelassenheit. Einerseits solle man nicht daran rütteln, eine Landessprache als verbindendes Band einer Gesellschaft zu fordern und zu fördern. Andererseits zeige die Empirie, dass in der Regel spätestens nach zwei Generationen eine Sprache völlig selbstverständlich muttersprachlich beherrscht werde und kein ernsthaftes Integrationshindernis mehr darstelle (205-207). Wieder seien es die Pessimistinnen und Pessimisten der zuvor genannten Lager, mit denen man sich kritisch auseinandersetzen müsse: Das rechte Lager bezweifle grundsätzlich ein mangelndes Arbeitsethos oder den sprachlichen Integrationswillen, das linke die Offenheit der Mehrheitsgesellschaften. Für die Kritikerinnen und Kritiker der Entwicklung in den USA hat Mounk noch einen Hinweis parat: „Zu behaupten, ein Land wie die USA habe keine echten Fortschritte in Richtung Gleichheit gemacht[, …] wäre eine Beleidigung des Gedenkens an all die Menschen, die Opfer der extremen Formen von ethnischer Diskriminierung wurden.“ (69)

Mounk wendet sich gegen einen ethnischen Nationalismus, hält die Idee von einem gemeinsamen Blut für unbegründbar und teilt am Ende die Einschätzung des Philosophen Kwame Appiah: Ethnien seien paradoxerweise beides gleichzeitig: höchst real und zugleich höchst formbar (46). Mounk sammelt Beispiele aus der ganzen Welt, die die Absurditäten des Gegenstandes verdeutlichen – etwa den Fall der afrikanischen Völker Chewa und Tumbuka: Angehörige dieser Völker hassten sich zutiefst im Staat Malawi, doch verlässt man dessen Grenzen und schaut sich im benachbarten Sambia um, falle auf, dass beide Völker sich hier vertrauten und gegenseitig respektierten (49). Reale Probleme – formbare Probleme! Die von Nationalistinnen und Nationalisten postulierten Ideen sind kein Naturgesetz.

Aber auch eher linksliberal Gesinnten verlangt Mounk mit seinem Werk einiges ab. Wer „anständige Leute“, wie er schreibt, mit an Bord holen will, der müsse auch auf ihre ambivalenten Gefühle, ihre Ängste, Sorgen und Nöte eingehen und diese nicht einfach beiseite wischen (25). Wer Zuwanderung befürwortet, dürfte vor allem nicht die Augen davor verschließen, dass es tatsächlich feindlich gesinnte Einwanderinnen und Einwanderer,  etwa aus religiösem Fanatismus, gebe, die den Grundregeln des friedlichen Zusammenlebens feindlich (sic!) gegenüberstehen (219). Und sie müssten bei allem Einstehen für diverse Gesellschaften auch einige Einsichten der konservativen Gegenseite besser verinnerlichen. „Warum können diese Leute [gemeint sind die Nicht-Kosmopoliten, Anmerkung des Rezensenten] nicht einfach die kosmopolitischen Ideale übernehmen, die ich als Kind von meiner Mutter gelernt habe? Können wir uns nicht einfach alle vertragen?“ (53) Diese naive Vorstellung müssten die linksliberalen Progressiven ablegen. Der Mensch neige nun einmal zur Gruppenbildung und nicht jeder Mensch finde es attraktiv, Kosmopolit zu sein. Und zumindest deutet Mounk an, dass die Probleme diverser Gesellschaften stärker werden, wenn Assimilation in eine Mehrheitsgesellschaft als Strategie wegfällt. Paul Collier hat dieses Problem in seinem Buch zum sozialen Kapitalismus bislang am besten beschrieben. Nur gilt in vielen aktuellen Publikationen, wie etwa Ibram X. Kendis Buch „How to be an Antiracist“ die Forderung nach Assimilation bereits als rassistisch.

Spannend wird es dann, wenn Mounk aufzeigt, warum diverse Gesellschaften eben auch scheitern können. „In vielen Gesellschaften erwies die Diversität sich eher als Stolperstein denn als Stärke.“ (11) und die historische Bilanz sei alles andere als ermutigend, denn Diversität führt oft zu verstärkten Konflikten (13). Er nähert sich dabei vom Standpunkt psychologischer Erkenntnisse. Kleine Gruppen könnten durch einen Käfig von gemeinsam geteilten Werten und Normen nach Innen zwischenmenschliche Konflikte effizient lösen. Doch man scheitere mit diesem Ansatz, wenn Gruppen mit unterschiedlichen Normen aufeinandertreffen (59). So fehle großen Gesellschaften oft ein Regulativ, um Konflikte im Zaum zu halten. Genau hier macht sich der Autor bei der Suche nach einer Lösung keineswegs die klaustrophobische Enge des Kommunitarismus zu eigen, sondern beharrt auf klassischen Einsichten des philosophischen Liberalismus, die derzeit weniger dem Zeitgeist entsprechen. Seiner Meinung nach verstelle der Blick auf das blutige 20. Jahrhundert mit seinen mörderischen Staaten leider die mindestens genauso blutige Einsicht in die Enge vormoderner Gesellschaften, in denen Älteste, Priester, Eltern oder Nachbarinnen und Nachbarn einem das eigene Leben zur Hölle machen konnten (116). Nein, dieser Weg sollte laut Mounk versperrt bleiben, den Lockrufen des Kommunitarismus und seiner Vertreterinnen und Vertreter zum Trotz.

Seine Orientierung am liberalen Leitbild macht auch ein anderes Lösungsmuster unmöglich oder zumindest schwer denkbar. Ein starker Staat könne multiethnische Probleme gut in den Griff bekommen – wie etwa in Singapur. Nur habe dies einen Preis. Und das Preisschild kann man in Singapur selbst gut sehen: Es wäre kein freiheitlicher Staat mehr. Man denke etwa an das jederzeit über allen schwebende Damoklesschwert einer Anzeige wegen Aufwieglung zu Rassenunfrieden, was der singapurischen Regierung viele Möglichkeiten bietet, unliebsame Kritikerinnen und Kritiker an eine enge Kandare zu nehmen.

Entwickelte Demokratien, die in der Regel als relativ homogene Staaten demokratisiert wurden, müssen sich aus Mounks Sicht also stets mit den negativen Folgen von Diversität auseinandersetzen, ob sie nun wollen, oder nicht. Mit mindestens drei negativen Folgen von steigender Diversität sieht er sie konfrontiert: Dominanz, Anarchie und Fragmentierung (86-89):

  1. Bei der Dominanz spiegeln diese Staaten oft Toleranz vor, sind aber nicht wirklich inklusiv. Demokratien könnten den Schatten harter Dominanz womöglich nicht abwerfen, was Frustration und Konflikte befeuere. Unwillkürlich muss man an die USA denken.

  2. Bei der Anarchie besteht ein staatliches Machtvakuum und Konflikte zwischen gesellschaftlichen Gruppen würden nicht durch einen starken Staat entschärft. Zudem liefen Demokratien Gefahr, den Sozialstaat angesichts zunehmender Diversität nicht aufrechterhalten zu können (nicht ohne Grund sind die USA eben KEIN Sozialstaat, möchte man anfügen). Hier fällt der Blick eher in Richtung Europa.

  3. Man könnte auf die trügerische „Waffenruhe“ konkordanter Lösungsmuster verfallen, die die Fragmentierung aber weiter zementieren würden. Bei konkordanter Fragmentierung lebten unterschiedliche Gruppen wie Staaten im Staat nebeneinander her – was aber in der Realität oft nicht funktioniert habe. Bestes Beispiel sei der Libanon, der Power-Sharing und kulturelle Autonomie unterschiedlicher Gruppen versucht habe und dann in einen blutigen Bürgerkrieg abrutschte, der im Grunde bis heute anhält. Auch demokratietheoretisch ist es unbefriedigend, eingedenk geteilter Rechtsprechung (je nach Religion) und dem Verlust demokratischer Kontrolle von Eliten. Zudem zementierten Konkordanzmuster bestehende Identitätsmuster (78-85). Mounk vertritt außerdem die Auffassung, eine Mehrheitsgesellschaft solle sich nicht scheuen, notfalls auch in die Angelegenheiten von kulturellen Minderheiten einzugreifen. Immer dann, wenn diese den legitimen Wertvorstellungen der Mehrheit entgegenstünden, oder wenn Eliten solcher Minderheiten die Rücksicht der Mehrheit für ihre eigenen Zwecke ausnutzten, wofür er einige Beispiele aufzeigt (160 f.).

Auch Quotierungen erteilt Mounk eine Absage. Er macht die Absurditäten eines mit Quotierungen arbeitenden Systems deutlich. Etwa, wenn er den Fall schildert, dass eine dunkelhäutige brasilianische Juristin sich auf eine Stelle bewarb, die im Quotensystem des Bundesstaates Bahia aber für Schwarze „reserviert“ war. Fotos von sich habe sie ebenso einsenden wie übergriffige Fragen beantworten müssen, ob sie auch schwarze Vorbilder hätte oder mit einer schwarzen Person zusammenleben würde. (42 f.) Am Ende habe sie die Stelle nicht bekommen, weil sie nicht schwarz genug gewesen sei. Schlussendlich sei ihr gar „Rassenbetrug“ (44) vorgeworfen worden, weil sie sich auf eine für sie nicht vorgesehene Stelle beworben hätte. Progressive, so meint Mounk, sollten daher sehr, sehr sparsam mit ethnischen Quotierungsideen sein, weil sie zu viel Wut schürten und damit das Gegenteil dessen erreichen, was sie anzustreben versuchten.

Doch was fordert er stattdessen? Er fordert vieles, von dem eine Menge aber unter „Selbstverständlichkeiten“ abzuhandeln wäre, wie die Forderung nach regelmäßigen Wahlen, Gewaltenteilung oder Ähnliches (119), um das fair play einer diversen Gesellschaft zu gewährleisten. Zwei Gedanken stechen aber hervor, mit denen sich auch praktisch politisch arbeiten ließe: erstens, Kontakte der unterschiedlichen Gruppen zu intensivieren. Je mehr gemeinsame Kontakte in Vereinen, Chören oder Sportgruppen zustande kämen, desto besser (92 ff.); zweitens: Am spannendsten noch ist seine Einschätzung, dass Patriotismus etwas Positives sein könne. Ein Klebstoff, der eine Gesellschaft zusammenhalte. Dass ein Verfassungspatriotismus Habermas’scher Vorstellung zu naiv gedacht ist, sieht er aber ebenso, denn er schafft keine Unterscheidbarkeit und keine Emotionalität. Ohne die Liebe zu einer Kultur, zu Speisen, zu Sprache, Städten, Konventionen und Gewohnheiten könne es nicht funktionieren (128-149). Kurz: „Eine überzeugende Definition von Patriotismus in heutiger Zeit muss die ethnischen Wurzeln der modernen Nationen ernst nehmen.“ (135) Damit diverse Demokratien gelingen, ist Mounk überzeugt, brauchen die Bürgerinnen und Bürger eine gemeinsame Identität (149) für die ein gut gemeinter Verfassungspatriotismus zu schwach wäre. Irgendetwas zwischen „Schmelztiegel und Salatschüssel“ (152-162) müsse es sein, um sein eigenes Sprachbild zu verwenden. Er schlägt die Leitidee eines öffentlichen Parks vor: Ein Park habe eine einheitliche, gewachsene, aber doch geschaffene Gestalt. Und er ist in seiner Nutzung für viele offen. Das ist ein schönes und vielleicht sogar passendes Bild, doch wie immer liegt die Crux darin, treffende Bilder in praktische Politik umzusetzen.

Was muss aus seiner Sicht darüber hinaus geschehen? Progressive Politik dürfe sich trotz Klimawandels nicht von wirtschaftlichem Wachstum verabschieden. Ohne Wirtschaftswachstum sei angesichts von Verteilungskämpfen eine gelungene Integration in diverse Gesellschaften nicht zu erreichen, insbesondere da ein umfangreiches Sozialsystem für diese Integration nötig sei. Vor allem rechtliche Regelungen müssten zudem vor Diskriminierung schützen – mit dazu solle ein Verbot unbezahlter Praktika gehören. 

Mounk glaubt, die bereits gegangenen Schritte in Richtung Diversität seien nicht mehr rückgängig zu machen – und eben dies sei auch gar nicht wünschenswert. Unbedingt will er aber festhalten am philosophischen Liberalismus, der in weiten Teilen der Diversity-Literatur ja zunehmend in scharfe Kritik gerät. Reni Eddo-Lodge, Robin DiAngelo oder Ibram X. Kendi seien an dieser Stelle vom Rezensenten als Beispiele für solche bedenklichen Entwicklungen genannt. Was allgemein unter „woke“ verhandelt wird, nennt Mounk „challenger ideology“ (178) und spricht sich klar gegen diese aus: Zu essentialistisch (obwohl sie genau das Gegenteil von sich behaupte), zu feindselig, zu wenig universalistisch und zu wenig kosmopolitisch, so lautet seine Kritik, auch wenn er zugesteht, dass teilweise sehr reale Probleme von den Herausforderinnen und Herausforderern adressiert werden (179-186). Vor allem aber: Diese Ideologie verstehe gar nicht, was eine zentrale Fähigkeit des Menschseins ausmache: Menschen seien empathiefähig. „Ein Mann muss keine sexuelle Belästigung erlebt haben, um darin ein Unrecht zu erkennen.“ (188)   

Letztlich warnt Mounk auch davor, aktuelle demografische Berechnungen zu extrapolieren und als gesetzte Zukunft zu missinterpretieren. Um nur ein Beispiel aus seinen Argumenten auszuwählen: Hispanics in den USA hätten ein durchaus fluides Selbstverständnis. Nur ein Viertel von ihnen sieht sich selbst etwa als Poc, als people of colour, wozu sie im linksliberalen Diskurs aber in aller Regel gezählt werden. Durchaus offen seien sie für viele Gedanken und Ideen der Republikaner. Überhaupt seien zahlreiche Wählerinnen und Wähler aus Minderheitengruppen alles andere als progressiv. Widerstehe die Grand Old Party der Versuchung, sich als rein angelsächsisch-anglikanische Partei zu sehen, wäre es alles andere als ausgemacht, dass die Demokraten irgendwann – wie oft in Medien beschrieben – eine „unvermeidliche demografische Mehrheit“ (237) hinter sich haben und die Republikaner marginalisieren.

Alles in allem ist Mounks Buch eine freundliche und optimistische Streitschrift. Wer sich mit dem Thema bereits befasst hat, wird eher wenig Neues entdecken. Mounks Stärke besteht, neben der schlüssigen Argumentation und den gut zusammengetragenen Beispielen, auch darin, wie er die hinter den Alltagsphänomenen gleichsam lauernden grundsätzlichen Theorieprobleme eruiert. Und diese gegen die Pessimisten wendet. Fazit: „Solange diverse Demokratien hohe Einwanderungsquoten zulassen, wird es immer eine gewisse Kluft bei Beschäftigung und Bildung geben. Doch der Fokus auf aggregierte Zahlen verschleiert das Ausmaß der intergenerationellen Mobilität. Selbst diejenigen, die heute aus sehr armen Ländern in diverse Demokratien strömen, haben allen Anlass zu der Hoffnung, dass es ihren Kindern und Enkeln sehr gut gehen wird.“ (213)

 

[1] Übrigens: Mounk bezweifelt jede Art von Verschwörungstheorie: Besagtes Diversitäts-Experiment wurde nicht von sinisteren Eliten auf den Weg gebracht. Niemand habe es bewusst gesteuert oder konzipiert. Es sei das Ergebnis politischer Mehrheiten und historischer Entwicklungen wie der Suche nach Arbeitskräften, einem kolonialen Erbe oder einer großzügigen Asylpolitik (10, 14). Das stimmt zwar – es stimmt aber genauso, dass viele der Schattenseiten diverser Gesellschaften schon früh benannt wurden und auch die Gefahren nicht unbekannt waren. Die Wende in der Migrationspolitik in Schweden beispielsweise kommt etwa zwanzig Jahre, nachdem eine ähnliche Wende in den Niederlanden erfolgt war. 

CC-BY-NC-SA
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