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Matthias Wingens

Wissensgesellschaft und Industrialisierung der Wissenschaft

Wiesbaden: Deutscher Universitäts-Verlag 1998 (DUV: Sozialwissenschaft); VIII, 337 S.; brosch., 68,- DM; ISBN 3-8244-4307-4
Habilitationsschrift Bremen. - Die systematische Erzeugung und Verwendung wissenschaftlichen Wissens zumal in technisch-ökonomischen Zusammenhängen gehört zu den Kernmerkmalen, die die Struktur moderner Gesellschaften kennzeichnen. Dieser Umstand wird vielfach - vom Wissenschaftssystem aus gesehen - als zunehmende Ausbreitung eines bestimmten Wissenstyp beschrieben, der anderen Wissensformen methodisch überlegen ist. Wingens kehrt in seiner Studie den Blickwinkel um; er will zeigen, "daß die Kehrseite erfolgreicher Verwissenschaftlichungsprozesse der technisch-ökonomischen Grundstruktur der Gesellschaft wie der Gesellschaft insgesamt eine 'Industrialisierung der Wissenschaft' ist" (22). Mit Industrialisierung ist dabei eine Formveränderung wissenschaftlichen Wissens gemeint, derzufolge "der Entstehungskontext wissenschaftlichen Wissens [...] nicht mehr klar und eindeutig von dessen praktischem Verwendungskontext geschieden werden" kann (19). Zwar entwickelt der Autor seine These an einem spezifischen empirischen Feld - der industriellen F & E im Bereich der chemischen Industrie (207 ff.) -, aber die Studie hat keinen hypothesen-testenden Zuschnitt. Wingens Argumentation folgt vielmehr durchgängig einer doppelten Zielsetzung: die Auseinandersetzung mit spezifischen Ansätzen der Wissenschaftssoziologie - namentlich neueren konstruktivistischen Spielarten (125 ff.) - orientiert sich ausdrücklich an einer gesellschaftstheoretischen Situierung dieser Befunde. Gerade durch ihr Motiv eines "reflexiven Selbstvergewisserns" (21) haben diese Überlegungen zur Autonomie akademischer Wissenschaft Relevanz weit über den analysierten Bereich industrieller Forschung hinaus. Inhalt: 1. Gesellschaft ohne Begriff; 2. Die gesellschaftliche Relevanz wissenschaftlichen Wissens in der soziologischen Theorie: 2.1 Zum "ex ante-Beitrag" der Klassiker; 2.2 Die gesellschaftstheoretische Thematisierung der Wissenschaft: 2.2.1 Die "positive" Wissenschaft der historisch-materialistischen Theorie; 2.2.2 Vernunftpessimismus und Wissenschaftsskepsis der Kritischen Theorie; 2.2.2.1 Verdinglichung als Kehrseite gesellschaftlicher Rationalisierung; 2.2.2.2 Die Wissenschaftskonzeption(en) der Kritischen Theorie; a) Das Verhängnis totaler Vernunft; b) Herrschaft als Technik und die Idee einer alternativen Wissenschaft; 2.2.3 Erkenntnisinteressen und Wissenschaft als "Ideologie"; 2.2.4 Kulturkritische Perspektiven der Verwissenschaftlichung; 2.2.4.1 Die wissenschaftlich-technisch-industrielle Superstruktur; 2.2.4.2 Die "Produktionsgesetzlichkeit" wissenschaftlichen Wissens; Exkurs: Soziologie als gesellschaftliche Deutungsmacht?; 2.2.5 Vom Verschwinden zwischen den Systemen. 3. Strukturierende Zwischenüberlegungen: 3.1 Wissenschaftliches Wissen und industrielle Produktion; 3.2 Die ausgeblendete Perspektive der sozialen Konstruktion und Transformation wissenschaftlichen Wissens; 3.3 Makro- und mikroökonomische Perspektiven; 3.4 Wissenschaftssoziologische Perspektiven. 4. Verschränkung von Wissenschaft und Industrie: 4.1 Zur Theorie der postmodernen Wissensgesellschaft; 4.1.1 "Axiales Prinzip" als gesellschaftstheoretisches Grundkonzept; 4.1.2 Wissenschaftliches Wissen als "axiales Prinzip"; 4.2 Zusammenschluß von Wissenschaft, Technik, Industrie. 5. Verwissenschaftlichung der Industrie - Industrialisierung der Wissenschaft: 5.1 Die eingleisige Verwissenschaftlichungsperspektive und ihr konzeptioneller Reduktionismus; 5.2 Die Beschränktheit des normativen Wissenschaftsideals; 5.3 Industrialisierte Wissenschaft als Konsequenz der Verwissenschaftlichung der Industrie. 6. Verschränkung, Grenzziehung, Autonomie; 7. Das wechselseitige Begründungsverhältnis von chemischer Industrie und Wissenschaft; 8. Industrialisierung der Wissenschaft: funktionales Korrelat der Verwissenschaftlichung der Industrie: 8.1 Zur gesellschaftlichen Relevanz industrieller F & E; 8.1.1 Die Dominanz industrieller F & E im Forschungssystem; 8.1.2 Zur gesellschaftspolitischen Dimension industrieller F & E; 8.2 Das Problem der Planbarkeit wissenschaftlich-technischer Innovationen; 8.2.1 Zum Begriff "Innovation"; 8.2.2 Zur Planbarkeit und systematischen Gestaltung von Innovationen; 8.3 Unsicherheit als Strukturmerkmal; 8.4 Industrialisierung der Wissenschaft: Unsicherheits-Bearbeitung. 9. Apokalypse akademischer Wissenschaft?
Thomas Mirbach (Mir)
Dr., wiss. Mitarbeiter, Lawaetz-Stiftung Hamburg, Lehrbeauftragter, Institut für Politische Wissenschaft, Universität Hamburg.
Rubrizierung: 5.2 Empfohlene Zitierweise: Thomas Mirbach, Rezension zu: Matthias Wingens: Wissensgesellschaft und Industrialisierung der Wissenschaft Wiesbaden: 1998, in: Portal für Politikwissenschaft, http://pw-portal.de/rezension/7198-wissensgesellschaft-und-industrialisierung-der-wissenschaft_9616, veröffentlicht am 01.01.2006. Buch-Nr.: 9616 Rezension drucken