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Marcel vom Lehn

Westdeutsche und italienische Historiker als Intellektuelle? Ihr Umgang mit Nationalsozialismus und Faschismus in den Massenmedien (1943/45-1960)

Göttingen: Vandenhoeck & Ruprecht 2012 (Kritische Studien zur Geschichtswissenschaft 206); 375 S.; geb., 59,99 €; ISBN 978-3-525-37022-3
Geschichtswiss. Diss. FU Berlin; Begutachtung: J. Kocka, O. Janz. – Welche Rolle haben die führenden Fachhistoriker Westdeutschlands und Italiens in der öffentlichen Diskussion über die nationalsozialistische beziehungsweise faschistische Vergangenheit gespielt? Haben sie die Massenmedien genutzt, um ihre wissenschaftlichen Erkenntnisse zu popularisieren? Gab es vielleicht sogar unterschiedliche Akzente, je nachdem, ob die Historiker in der akademischen oder in der an die Öffentlichkeit gerichteten Diskussion argumentierten? Welches Geschichtsbild zeichneten sie, welche Strategien wurden verwendet? Um diese Fragen geht es in der Doktorarbeit von Marcel vom Lehn. Zwischen beiden Ländern gibt es erhebliche Unterschiede, so ist die Historie in Westdeutschland von Universitätsprofessoren dominiert, in Italien ist das Feld bunter. Auch unterscheiden sich die Mediensysteme, sodass für die Verbreitung historischen Wissens und politisch‑moralischer Urteile nicht die gleichen Ausgangsbedingungen gelten. Dennoch diagnostiziert vom Lehn Ähnlichkeiten: In beiden Ländern versuchten die Historiker, ihre Forschungsergebnisse über eine Fachöffentlichkeit hinaus zu verbreiten. Dabei machten sie offenbar auch Konzessionen. Die Massenunterstützung für die Diktaturen blieb von ihnen unterbelichtet, während der Widerstand (auch in pädagogischer Absicht) besonders hervorgehoben wurde. Das führt vom Lehn darauf zurück, dass die Historiker sich „mit einer gesellschaftlichen Realität konfrontiert sahen, in der Kontinuitäten über die Zäsur von 1943/45 überwogen – nicht nur bei den zahlreichen Eliten, sondern ebenso in vielen Grundhaltungen der Bevölkerung“ (324). Die Erfolgsgeschichte des westlichen Demokratiemodells war in den 1950er‑Jahren nicht vorhergesehen worden. Daher prägte die Erfahrung, dass Demokratie in Diktatur münden kann, die Haltung gegenüber der neuen Ordnung wesentlich. Umgekehrt beeinflusste der mediale Diskurs mit seinen Konjunkturen auch die akademische Debatte. Die außerfachliche öffentliche Praxis der Historiker verstärkte die Einseitigkeit ihrer Forschungsschwerpunkte und nahm ihnen die Möglichkeit, „historische Interpretationen jenseits des allgemeinen Diskurses zu entwickeln“ (327). Aus politikwissenschaftlicher Sicht hat vom Lehn eine interessante Studie vorgelegt, die dringend einer Ergänzung bedarf: Welche Rolle die erste Generation von Professoren der Politikwissenschaft für das Geschichtsbild, aber auch für die Aneignung des demokratischen Verständnisses in der jungen Bundesrepublik spielte, ist kaum erforscht.
Wilhelm Knelangen (WK)
Dr., wiss. Ass., Institut für Sozialwissenschaften (Bereich Politikwissenschaft), Universität Kiel.
Rubrizierung: 2.23 | 2.35 | 2.61 Empfohlene Zitierweise: Wilhelm Knelangen, Rezension zu: Marcel vom Lehn: Westdeutsche und italienische Historiker als Intellektuelle? Göttingen: 2012, in: Portal für Politikwissenschaft, http://pw-portal.de/rezension/35525-westdeutsche-und-italienische-historiker-als-intellektuelle_42854, veröffentlicht am 31.01.2013. Buch-Nr.: 42854 Inhaltsverzeichnis Rezension drucken