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Li Bin / Tong Zhao (Hrsg.): Understanding Chinese Nuclear Thinking

29.05.2017
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Autorenprofil
Dr. Karl-Heinz Kamp
Washington, DC, Carnegie Endowment for International Peace 2016

Studie zeigt, wie China seinen Status einschätzt

Die Frage, wie chinesische Politiker und Militärs über Kernwaffen und das Konzept der nuklearen Abschreckung denken, ist trotz ihrer Bedeutung bislang nur selten thematisiert worden. Umso interessanter ist die von der Carnegie Endowment for International Peace vorgelegte umfangreiche Studie zum strategisch-nuklearen Denken in China.1 Elf chinesische Autoren und ein US-amerikanischer Experte, der lange in China gelebt hat, beleuchten dabei nicht nur die chinesische Seite, sondern heben auch die grundlegenden Unterschiede zum nuklearen Selbstverständnis der USA hervor. Sie berufen sich dabei auf die mittlerweile intensive Diskussion unter chinesischen Akademikern, aber auch auf die seit einiger Zeit stattfindenden chinesisch-amerikanischen Nukleardebatten.

Begriffe wie nukleare Abschreckung, Rüstungswettlauf oder strategische Stabilität haben in China – bedingt durch Geschichte und Kultur – eine oft grundlegend andere Bedeutung. So hat China, anders als andere Nuklearstaaten, kein besonderes Prestige oder Selbstwertgefühl aus seinem Status als Atommacht geschöpft. Das führte nicht nur zu anderen Denkmodellen, sondern hatte auch ganz praktische Auswirkungen. Bis vor einigen Jahren waren chinesische Kernwaffen in einem sehr geringen Bereitschaftsgrad stationiert. Anders als in Russland (und vorher der Sowjetunion) und den USA wurden praktische keine Systeme on „High Alert“, also unmittelbar abschussbereit, gehalten. Bei einem Kernwaffenangriff auf China hätte man sich eine Vergeltung erst nach mehreren Tagen oder gar Wochen vorstellen können. Hintergrund ist natürlich die Furcht, einen Atomkrieg geradezu aus Versehen oder durch ein zu frühes Agieren (launch on warning) auslösen zu können. Auch deshalb legt man stets großen Wert auf eine deutlich erkennbare „Rote Linie“ zwischen konventionellem und nuklearem Krieg.

Chinesisches nukleares Denken ist auch stark von dem geradezu traditionellen Gefühl der technologischen Unterlegenheit gegen über „dem Westen“ oder den USA geprägt. Folglich werden oft auch im Nuklearbereich technische Entwicklungen vorgenommen, nur um neue Technologien zu beherrschen, ohne diese auch später zu stationieren.

Nicht zuletzt glaubten chinesische Nuklearstrategen lange wirklich an das Ziel der völligen und weltweiten nuklearen Abrüstung als beste Möglichkeit, um mit den nuklearen Risiken umzugehen. Dieser Glaube ist in den USA nicht sehr verbreitet – die Obama-Initiative zur völligen Denuklearisierung war wohl eher eine Ausnahme, die auch innerhalb der USA nur von Wenigen wirklich angenommen wurde. Noch stärker ist der Unterschied zu Russland, wo man Kernwaffen als Teil der militärischen Gesamtstärke und als Kompensation für fehlende konventionelle Kapazitäten sieht. Auch das Konzept, Kernwaffen nicht als erste einzusetzen (no first use) ist in China keine leere Worthülse, sondern seit jeher Teil des nuklearen Denkens und Handelns.

Allerdings zeigen sich auch schrittweise Anpassungen an westliche Nuklearkonzepte und damit einhergehende Veränderungen im klassischen chinesischen nuklearen Denken. Dies wurde hervorgerufen durch die wachsende Offenheit in der sicherheitspolitischen Debatte insgesamt. Damit gelangten auch Gefahren wie nukleare Proliferation oder nuklearer Terrorismus in den Focus chinesischer Strategen. Folglich zeigte sich eine langsame aber stetige Bereitschaft Chinas, solche Gefahren durch internationale Zusammenarbeit anzugehen. Zunehmende Debatten führen aber auch zu Zweifeln an herkömmlichen Denkmustern. Chinesische Experten fragen sich heute, ob die Abschreckung insgesamt flexibel genug ist, um mit den neuen Gefahren umzugehen. Die Idee der Machbarkeit einer nuklearwaffenfreien Welt bekam ebenfalls Risse. Diese stetige Evolution wird zu neuen Konzeptionen und zu neuen Entscheiden bei Waffentypen, Beständen und Stationierungsorten führen.

Das Veröffentlichungsdatum vom Oktober 2016 lässt auf einen Redaktionsschluss im Sommer dieses Jahres schließen. Damit können leider die Reaktionen auf das rasche und aggressive nukleare Fortschreiten Nordkoreas nicht mehr berücksichtig werden. Es kann aber als sicher gelten, dass der Umstand, dass sich Pjöngjang weder durch Drohungen oder Sanktionen, noch durch Versprechungen von seinem Nuklearkurs abbringen lässt – und damit zu einer unmittelbaren Gefahr auch für Peking wird, nicht ohne Auswirkungen auf die chinesische Nuklearstrategie bleiben wird. Es dürfte spannend sein, diesen Prozess weiter zu beobachten.

Der Text ist erschienen in SIRIUS – Zeitschrift für Strategische Studien, Heft 4, Dezember 2017

1http://carnegieendowment.org/2016/10/28/understanding-chinese-nuclear-thinking-pub-64975

 

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