Karena Kalmbach

Tschernobyl und Frankreich. Die Debatte um die Auswirkungen des Reaktorunfalls im Kontext der französischen Atompolitik und Elitenkultur

Frankfurt a. M. u. a.: Peter Lang 2011 (Zivilisation und Geschichte 7); 209 S.; 39,80 €; ISBN 978-3-631-61842-4
Geschichtswiss. Magisterarbeit FU Berlin. – Fast gleichzeitig mit der Einstellung des Verfahrens zur Informationspolitik während des Reaktorunfalls von Tschernobyl 1986 gegen den Leiter der französischen Strahlenschutzbehörde im Jahr 2011 setzt sich Kalmbach mit der bis heute andauernden Debatte über die Atomsicherheit auseinander. Wie in kaum einem anderen Land führte dieses Ereignis in Frankreich zu einem politischen Tschernobyl. Deshalb ist es das Ziel der Autorin, aus deutscher Sicht zu erläutern, weshalb bei einem großen Teil der französischen Bevölkerung das Gefühl aufkam, „bezüglich einer nationalen Gefahrenlage von der Staatselite belogen worden zu sein“ (12) – dieses Gefühl halte, so die Autorin, bis heute an. Sie beschreibt die Erforschung der radioaktiven Strahlen durch Marie und Pierre Curie sowie Irène und Frédéric Joliot-Curie als Wiege der heutigen Energiegewinnung in Frankreich. Anhand der Strukturen des Nuklearsektors deckt sie die vielfältigen politischen Verknüpfungen mit der Großindustrie auf. Deren Monopolstellung sichere „industrielle Großprojekte – wie auch die französische Atombombe“ (37). Zu diesem Zweck, so legt sie dar, ziehe sich diese den eigenen Nachwuchs durch ein umstrittenes, das Herkunftsprinzip zugrunde legendes Auswahlverfahren heran. Hierin sieht Kalmbach die Ursache für das Stillhalten französischer Politiker nach dem Unglück von Tschernobyl. Obwohl „die Wolke nicht an der Grenze Halt gemacht“ (73) hat und Nachbarländer wie Deutschland und Spanien mit Bekanntwerden des Unfalls Ende April 1986 ihre Bevölkerungen sofort über atomare Verseuchung von Lebensmitteln aufklärten, habe die staatliche Atomlobby in Frankreich, sie spricht von „Nukleokratie“ (65), diese Nachrichten zurückgehalten und somit die Gefährdung der Bevölkerung billigend in Kauf genommen, gewinnt Frankreich doch „80 Prozent seines Stroms aus der Kernenergie“ (12). Kalmbach enthüllt anhand der damals schleppend erfolgten Informationsverbreitung, wie beim Meinungswechsel schnell ein Opfer – Pierre Pellerin, der Leiter der Strahlenschutzbehörde – durch die Medien und die Justiz gefunden wurde. Das Buch ist höchst aktuell, finden sich hierin doch Argumente für die Debatte über den Atomausstieg. Übersetzungen der Zitate und die Einarbeitung der erläuternden Fußnoten in den Text hätten die Lesbarkeit jedoch erhöht.
Sabine Steppat (STE)
Dipl.-Politologin, Redakteurin pw-portal.de.
Rubrizierung: 2.61 | 2.22 | 2.343 Empfohlene Zitierweise: Sabine Steppat, Rezension zu: Karena Kalmbach: Tschernobyl und Frankreich. Frankfurt a. M. u. a.: 2011, in: Portal für Politikwissenschaft, http://pw-portal.de/rezension/33967-tschernobyl-und-frankreich_40710, veröffentlicht am 09.02.2012. Buch-Nr.: 40710 Inhaltsverzeichnis Rezension drucken

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