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Daniel Barben

Theorietechnik und Politik bei Niklas Luhmann. Grenzen einer universalen Theorie der modernen Gesellschaft

Opladen: Westdeutscher Verlag 1996; 281 S.; kart., 52,- DM; ISBN 3-531-12926-0
Diss. Wirtschafts- und Sozialwissenschaftliche Fakultät Universität Potsdam; Gutachter: H. Kleger, P. Wagner. - Im Mittelpunkt der Studie stehen weniger Luhmanns Soziologie der Politik, als vielmehr die politischen Implikationen der Luhmannschen Systemtheorie. Ausgangspunkt ist die Überlegung, daß Gesellschaftstheorien politischen Charakters sind, weil sie bestimmte politische Wahrnehmungen und Orientierungen nahelegen und in einem Spannungsfeld formuliert werden, welches dadurch gekennzeichnet ist, daß soziologische Theorien in unterschiedlichem Maße zugleich Theorien über die Gesellschaft wie Ideologien der Gesellschaft selbst sind. Nun gehören Kritiken an Luhmann, die aus solcher Perspektive vorgenommen werden, spätestens seit der Habermas-Luhmann-Kontroverse zum Repertoire des sozialwissenschaftlichen Diskurses. Barbens Studie allerdings hebt sich vom Großteil politisierender Luhmannkritik insofern ab, als sie "die Aporien der sogenannt ideologiekritischen Methode, die schon weiß, was Sache ist" (19) zu umgehen versucht, indem sie sich Luhmann überwiegend werkimmanent und textorientiert nähert. Auf diese Weise werden Luhmanns Voraussetzungen nachvollziehbar gemacht und der Kritik willkürliche Prämissen genommen. Dieses Programm wird von Barben durchaus überzeugend durchgeführt, indem er zunächst das systemtheoretische Paradigma im allgemeinen (Kap. 2) sowie die Grundzüge der Luhmannschen Variante im besonderen skizziert (Kap. 3). Sodann wendet er sich Luhmanns Charakterisierung der modernen Gesellschaft, besonders der Risikosoziologie und dem Konzept der ökologischen Kommunikation zu (Kap. 4 und 5). So entsteht ein differenziertes Bild der Luhmannschen Theorie (zusammengefaßt in Kap. 6): Einerseits konstatiert Barben angesichts der Luhmannschen Skepsis gegenüber der politischen Steuerungsfähigkeit von Gesellschaft einen Konservativismus, der zwar weder einer Status Quo-Bewahrung das Wort rede, noch mit einer Ablehnung von Konflikten einhergehe oder gar wertkonservativ sei. Er bestehe in erster Linie darin, daß funktionale Differenzierung selbst zum Wert erhoben werde. Diesen Konservativismus, der nichts anderes bedeute, "als gesellschaftstheoretisch das Paradigma des Neoliberalismus zu befördern" (157), lehnt der Autor ab. Zugleich aber würdigt er andererseits aus kritischer Distanz die Vorzüge und Entwicklungsfähigkeiten der Luhmannschen Theorie. Barben erschwert die Lektüre leider durch eine übermäßige Komplizierung seiner Sprache, die sich vor allem in unnötig langen Satzkonstruktionen niederschlägt.
Michael Henkel (MH)
Priv.-Doz. DR., Institut für Politikwissenschaft, Universität Jena.
Rubrizierung: 5.4 | 5.2 Empfohlene Zitierweise: Michael Henkel, Rezension zu: Daniel Barben: Theorietechnik und Politik bei Niklas Luhmann. Opladen: 1996, in: Portal für Politikwissenschaft, http://pw-portal.de/rezension/2536-theorietechnik-und-politik-bei-niklas-luhmann_3263, veröffentlicht am 01.01.2006. Buch-Nr.: 3263 Rezension drucken