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Wolfgang Kraushaar

1968 als Mythos, Chiffre und Zäsur

Hamburg: Hamburger Edition 2000; 370 S.; geb., 48,- DM; ISBN 3-930908-59-X
Die gegenwärtig, freilich - wenn nicht alles täuscht - mit schon nachlassendem Medienecho betriebenen Auseinandersetzungen über politische Akteure, die der so genannten "68er-Bewegung" zugerechnet werden, sind von keinem erkennbaren Interesse am Verständnis jener Jahre von 1967 bis 1969 getragen, für die gemeinhin das bekannte Jahreskürzel steht. Zu inquisitorisch ist der Gestus, mit dem öffentlich Distanzierung vom "Geist" der damaligen Protestphase verlangt wird und zu offensichtlich ist der instrumentelle Charakter dieser Kampagnen. Dass es auch jenseits dieses engen, letztlich parteipolitischen Horizontes außerordentlich schwierig ist, die Bedeutung jener kurzen, allerdings für eine Generation nahezu paradigmatisch gewordenen Episode angemessen auch für ein Publikum darzustellen, dessen Biographie nicht von diesen Jahren berührt ist, belegt dieses Buch anregend und glaubwürdig. Der Autor, Mitarbeiter am Hamburger Institut für Sozialforschung, von dem schon zwei umfangreiche Chroniken über die Protest- und Studentenbewegung (1996 sowie 1998: siehe ZPol 4/98: 1535) stammen, hat hier eigene thematisch einschlägige Aufsätze zusammengestellt, von denen der älteste 1992 ("Rudi Dutschke"), der jüngste 2000 ("Die Anti-Elite") erschienen ist. Die Sammlung folgt weniger einem systematischen als vielmehr einem Interesse an der Physiognomie einer Bewegung, zu deren Wirkungsgeschichte - neben ihren unstrittig modernisierenden Impulsen - auch ebenso irritierende wie aufklärungsbedürftige Kapitel zählen, dazu gehören neben der RAF (163 ff.) auch die SED und die Stasi (139 ff.) sowie der Neonationalismus einiger ehemaliger "68er" (172 ff.). Inhalt: Einleitung: Wie über 1968 schreiben?; Die erste globale Rebellion; Die transatlantische Protestkultur; Der lange Marsch durch die Institutionen; Rudi Dutschke und die Wiedervereinigung; Die 68er-Linke und das Geld; SED, Stasi und Studentenbewegung; Phantomschmerz RAF; Die neue Unbefangenheit; Symbolzertrümmerung; Finalisierung des Protests; Die Anti-Elite als Avantgarde; Der Zeitzeuge als Feind des Historikers? Ein Literaturüberblick zur 68er-Bewegung.
Thomas Mirbach (Mir)
Dr., wiss. Mitarbeiter, Lawaetz-Stiftung Hamburg, Lehrbeauftragter, Institut für Politische Wissenschaft, Universität Hamburg.
Rubrizierung: 2.313 | 2.35 | 2.33 Empfohlene Zitierweise: Thomas Mirbach, Rezension zu: Wolfgang Kraushaar: 1968 als Mythos, Chiffre und Zäsur Hamburg: 2000, in: Portal für Politikwissenschaft, http://pw-portal.de/rezension/13221-1968-als-mythos-chiffre-und-zaesur_15841, veröffentlicht am 01.01.2006. Buch-Nr.: 15841 Rezension drucken