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Andrea Görldt

Rudolf Herrnstadt und Wilhelm Zaisser. Ihre Konflikte in der SED-Führung im Kontext innerparteilicher Machtsicherung und sowjetischer Deutschlandpolitik

Frankfurt a. M. u. a.: Peter Lang 2002 (Europäische Hochschulschriften: Reihe XXXI, Politikwissenschaft 457); 488 S.; brosch., 65,40 €; ISBN 3-631-39895-6
Diss. Bonn. - Der diktatorische Führungsstil Ulbrichts, nur an der Macht interessierte Funktionäre ohne eigene Meinung, eine verbitterte Bevölkerung und die fortdauernde deutsche Teilung seien den politischen Vorstellungen Herrnstadts, Chefredakteur des „Neuen Deutschland", und Zaissers, Minister für Staatssicherheit, zuwidergelaufen. Ihre „Selbsttäuschung" (428), gegen den Parteiapparat vorgehen und eine Demokratisierung innerhalb der SED einleiten zu können, endetet aber kurz nach dem Volksaufstand im Juni 1953. Zwar sei die Unterstellung, beide hätten eine parteifeindliche politische Plattform eingerichtet, ein Konstrukt Ulbrichts gewesen. Dieser habe aber die Verunsicherung in der SED nach der Niederschlagung des Volksaufstandes nutzen können, um seine Machtposition wieder zu festigen. Herrnstadt und Zaisser wurden aus ihren Ämtern entlassen, der Parteiausschluss folgte ein Jahr später. Diese so genannte Parteisäuberung ordnet die Autorin in die Chronik stalinistischer Personalpolitik in Deutschland ein, deren Beginn sie bereits bei der KPD in der Weimarer Republik sieht. So wird deutlich, dass es bei diesen Parteisäuberungen nicht um den einzelnen Menschen und seine vermeintliche persönliche Schuld ging. Die Parteisäuberungen sollten vielmehr durch Abschreckung jede freie Meinungsbildung innerhalb der Partei unterbinden. Dass sich Herrnstadt und Zaisser als von ihrer Herkunft her bürgerliche Intellektuelle als Opfer dieser stalinistischen Herrschaftsmethode geradezu anboten, zeigt die Autorin anhand von biografischen Skizzen zu Herrnstadt, Zaisser und Ulbricht. Herrnstadts und Zaissers Misserfolg sei schließlich auch dem Umstand geschuldet, dass ihnen - im Gegensatz zu Ulbricht - der direkte Draht nach Moskau gefehlt habe.
Natalie Wohlleben (NW)
Dipl.-Politologin, Redakteurin pw-portal.de.
Rubrizierung: 2.314 Empfohlene Zitierweise: Natalie Wohlleben, Rezension zu: Andrea Görldt: Rudolf Herrnstadt und Wilhelm Zaisser. Frankfurt a. M. u. a.: 2002, in: Portal für Politikwissenschaft, http://pw-portal.de/rezension/18503-rudolf-herrnstadt-und-wilhelm-zaisser_21441, veröffentlicht am 01.01.2006. Buch-Nr.: 21441 Rezension drucken