Oliver W. Lembcke / Florian Weber (Hrsg.)

Republikanischer Liberalismus. Benjamin Constants Staatsverständnis

Baden-Baden: Nomos Verlagsgesellschaft 2013 (Staatsverständnisse 59); 283 S.; brosch., 34,- €; ISBN 978-3-8329-5296-9
Benjamin Constant, einer der wichtigsten Vertreter eines demokratischen Konstitutionalismus, gilt aufgrund seiner ablehnenden Haltung gegenüber Rousseau und der Französischen Revolution zumeist als liberaler Denker. Wie die Herausgeber in ihrer prägnanten Einleitung betonen, ist diese Zuordnung angesichts neuer Quellenfunde sowie eines erneuten Interesses am Republikanismus in den vergangenen Jahren relativiert worden. Es ist daher nicht nur konsequent, dass er hier „im Spannungsverhältnis [von] liberalem und republikanischem Gedankengut“ (14) gedeutet wird, sondern auch überzeugend, dass der Band mit einer erneuten Lektüre von Constants berühmten Vortrag von 1819 „De la liberté des Anciens comparée à celle des Modernes“ beginnt. Karlfriedrich Herb betont dann auch, dass sich zwar Constant selbst gern „als Liberaler reinsten Wassers“ (25) stilisiert habe, er aber zunehmend seinem eigenen Zuvertrauen in das Individuum nicht zuletzt deshalb mit Skepsis begegnet sei, weil dies den Verzicht auf politische Teilhabe mit einschließe. Diese republikanischen Zweifel erwachsen einerseits aus den zunehmend beobachteten Schattenseiten des modernen Individualismus, was Constant in eine überraschende Nähe seiner Kritiker bringt. Andererseits rückt mit dem Sieg des Liberalismus auch die Frage nach der Begründung liberaler Freiheit in den Mittelpunkt. Hier verweisen Bryan Garsten, Helena Rosenblatt und Daniel Schulz auf Constants politisches Interesse an religiösen Fragen. Das ist nur eine der vielen Parallelen zu Tocqueville. Hier wird Constant als Nachaufklärer deutlich, der den Optimismus der rationalistischen Aufklärung nicht mehr teilen kann, sondern die Fragilität moderner Ordnung erkennt, ohne jedoch als Fürsprecher der Tradition im Sinne Burkes zu enden. Thematisch etwas disparater sind die Beiträge aus dem zweiten und dritten Abschnitt, in denen die politikphilosophische Kontroversen – bei Norbert Campagna: Kant und bei Biancamaria Fontana: Burke – und seine verfassungspolitische Position herausgearbeitet wird. Insgesamt wird deutlich, dass Constant dem Zerrbild eines Liberalen kaum entspricht: Zu groß ist das Interesse an den für den Erhalt von politischer und bürgerlicher Freiheit fundamentalen moralischen Ressourcen und deliberativen Prozessen innerhalb eines Gemeinwesens; zu nüchtern ist aber auch sein Blick auf die Risiken der modernen Gesellschaft, als dass er sich am Siegeszug des Besitzindividualismus erfreuen mag. Insgesamt gibt der Band einen gelungenen Überblick über die aktuelle internationale Constant‑Forschung, auch wenn viele Aufsätze keine Originalbeiträge sind; sie liegen nun erstmalig in deutscher Sprache vor.
Frank Schale (FS)
Dr., wiss. Mitarbeiter, Professur für Politische Theorie und Ideengeschichte, Technische Universität Chemnitz.
Rubrizierung: 5.33 Empfohlene Zitierweise: Frank Schale, Rezension zu: Oliver W. Lembcke / Florian Weber (Hrsg.): Republikanischer Liberalismus. Baden-Baden: 2013, in: Portal für Politikwissenschaft, http://pw-portal.de/rezension/37229-republikanischer-liberalismus_45580, veröffentlicht am 26.06.2014. Buch-Nr.: 45580 Inhaltsverzeichnis Rezension drucken

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