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Frank Fehlberg

Protestantismus und Nationaler Sozialismus. Liberale Theologie und politisches Denken um Friedrich Naumann

Bonn: Verlag J. H. W. Dietz Nachfolger 2012 (Politik- und Gesellschaftsgeschichte 93); 519 S.; hardc., 58,- €; ISBN 978-3-8012-4210-7
Diss. Chemnitz; Begutachtung: F.-L. Kroll, A. Söllner. – Als der deutsche Kaiser in seiner Thronrede vom 4. August 1914 zugespitzt wiederholte, was er bereits am 1. unter dem Jubel der vor dem Berliner Stadtschloss versammelten Menschenmenge verkündet hatte, nämlich dass er keine Parteien, sondern nur mehr Deutsche kenne, schien es, als ließen sich alle innenpolitischen Konflikte einer höheren Notwendigkeit unterordnen. Für den Moment erschien die Nation nun als die naturalistische Einheit, deren Herausbildung die Grabenkämpfe zwischen den Anhängern der verschiedensten geistigen Strömungen und Konfessionen in der Vorkriegszeit verhindert hatten. Der Krieg bewirkte als integratives Moment, dass einige in ihm gar den Katalysator für eine Entwicklung erkennen wollten, in der sich ein „nationaler Sozialismus” ankündigte, der den Frieden nach innen herstellen und den Staat zu einer Interessenvertretung für alle Bürger wandeln sollte. Dass die Ideen zu einem solchen Sozialismus wesentlich älter waren und nicht erst aus der politischen Konstellation des Sommers 1914 resultierten, weist Fehlberg in dem Band eindrucksvoll und materialreich nach. Nach einem ausführlichen Methodenkapitel widmet sich der Autor den protestantischen Theologen Arthur Bonus, Gustav Frenssen, Gottfried Traub, Paul Rohrbach und Friedrich Naumann, denen es schon vor dem Krieg darum ging, das Evangelium in die neue Zeit der Industriegesellschaft mitzunehmen. Das Ergebnis war eine liberale Theologie, deren Grenze sich zu Zeitströmungen wie dem Imperialismus, dem Nationalismus, dem völkischen oder dem sozialdemokratischen Denken nicht mehr scharf ziehen ließ, was sich dann beispielsweise in der damals fast schon unerhörten Forderung Naumanns artikulierte, nach der der Prediger neben der Bibel auch Marx kennen sollte. Fehlberg, der sich manchmal nicht ganz frei machen kann von gewissen Sympathien für liberal-sozial-theologische Gedankensplitter, hat in seiner Studie ein äußerst komplexes Ideengeflecht freigelegt, das einen politischen Mischtyp zurücklässt, der mit den Begriffen „Sozialismus” oder „Liberalismus” allein kaum zu operationalisieren wäre.
Michael Vollmer (MV)
M. A., Politikwissenschaftler, wiss. Mitarbeiter, Professur für Politische Theorie und Ideengeschichte, TU Chemnitz.
Rubrizierung: 2.311 | 5.43 Empfohlene Zitierweise: Michael Vollmer, Rezension zu: Frank Fehlberg: Protestantismus und Nationaler Sozialismus. Bonn: 2012, in: Portal für Politikwissenschaft, http://pw-portal.de/rezension/35184-protestantismus-und-nationaler-sozialismus_42363, veröffentlicht am 19.07.2012. Buch-Nr.: 42363 Inhaltsverzeichnis Rezension drucken