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Martin Greschat

Protestantismus im Kalten Krieg. Kirche, Politik und Gesellschaft im geteilten Deutschland 1945-1963

Paderborn u. a.: Ferdinand Schöningh 2010; 454 S.; 48,- €; ISBN 978-3-506-76806-3
„‚Die meisten Deutschen würden die Einigung ihres Landes unter dem Kommunismus einer Fortdauer seiner gegenwärtigen Aufspaltung vorziehen’“, erklärte Martin Niemöller im Dezember 1949 in New York. Er war zu dem Zeitpunkt hessischer Kirchenpräsident und galt als Symbol des evangelischen Widerstandes gegen den Nationalsozialismus. Von Anfang an beäugte er die westdeutsche Staatsgründung und Adenauers Politik kritisch. Über dessen Kabinett urteilte Niemöller: „‚Die derzeitige westdeutsche Bundesregierung ward empfangen im Vatikan und geboren in Washington. Die Fortdauer des westdeutschen Staates bedeutet den Tod des kontinentalen Protestantismus.’" (76) Während die katholische Kirche Adenauers Politik der Westintegration befürwortete, kam es bei den Protestanten zwischen bruderrätlichen Kreisen und eher konservativen Lutheranern zum Streit hierüber, was Greschat – emeritierter Professor für evangelische Kirchengeschichte und kirchliche Zeitgeschichte – schildert. Deutlich wird, wie eng die Geschichte des Protestantismus nach dem Zweiten Weltkrieg mit dem weltpolitischen Kontext und den politischen sowie gesellschaftlichen Entwicklungen in den beiden deutschen Teilstaaten verknüpft war. Anfang der 50er-Jahre forderten Niemöller und auch Gustav Heinemann ein neutrales Deutschland, um die nationale Einheit zu erreichen. In der evangelischen Kirche habe es auch Kreise mit einer „nationalkonservativen Gesinnung“ (156) gegeben. Nach dem 17. Juni 1953 seien innerhalb des Protestantismus Anzeichen einer Umorientierung, einer Hinwendung zu den geistigen und politischen Wertvorstellungen des Westens erkennbar gewesen. Greschat beschreibt auch die Entwicklungen bei den ostdeutschen Protestanten und ihre Schwierigkeiten, sich in einem atheistischen System zu behaupten. Dass sie 1958 in einem umstrittenen Kommuniqué ihre Loyalität gegenüber dem SED-Staat versicherten, wertet Greschat jedoch nicht als Anpassung, sondern als Anerkennung der Realität. Auf spannende und anschauliche Weise schildert er das Einwirken der evangelischen Christen auf die Geschehnisse in beiden deutschen Staaten, ihr gemeinsames kirchliches, politisches und gesellschaftliches Agieren.
Sabine Steppat (STE)
Dipl.-Politologin, Redakteurin pw-portal.de.
Rubrizierung: 2.313 | 2.314 | 2.35 Empfohlene Zitierweise: Sabine Steppat, Rezension zu: Martin Greschat: Protestantismus im Kalten Krieg. Paderborn u. a.: 2010, in: Portal für Politikwissenschaft, http://pw-portal.de/rezension/31267-protestantismus-im-kalten-krieg_37192, veröffentlicht am 08.12.2010. Buch-Nr.: 37192 Inhaltsverzeichnis Rezension drucken