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Silvia Lange

Protestantische Frauen auf dem Weg in den Nationalsozialismus. Guida Diehls Neulandbewegung 1916-1935

Stuttgart/Weimar: Verlag J. B. Metzler 1998 (Ergebnisse der Frauenforschung 47); 327 S.; kart., 78,- DM; ISBN 3-476-01596-3
Diss. Berlin; Gutachter: W.-D. Narr / K. Hausen. - Die Studie entwirft ein Organisationsprofil einer radikalen Gruppierung des evangelischen Bürgertums in den ersten Jahrzehnten unseres Jahrhunderts, die man dem Spektrum der Bündischen Jugend wie auch der protestantischen Frauenbewegung zurechnen kann. Die ablehnende Haltung größter Teile des deutschen Protestantismus zur Weimarer Republik trat, wie sich bei der 'Neulandbewegung' deutlich zeigt, in den Publikationen und Kundgebungen von Verbänden jenseits der verfaßten Kirche klarer zutage als bei den offiziellen Kirchenführern. Diese arrangierten sich aus pragmatischen Gründen vielfach zähneknirschend mit der Demokratie, um dann freilich die 'Nationale Revolution' um so freudiger zu begrüßen. Genau wie das evangelische Kirchenvolk waren sie nämlich traumatisch geprägt durch den Verlust der privilegierten Stellung im deutschen Kaiserreich. In dieser Fallstudie tritt jene Melange antiaufklärerischer Affekte, die die überdurchschnittliche Anfälligkeit des protestantischen Bürgertums für den Nationalsozialismus wesentlich konstituieren, am Beispiel der 'Neulandbewegung' symptomatisch zutage. Von Bedeutung ist diese Arbeit durch die Illustration der ambivalenten Haltung dieses rechten Außenflügels der protestantischen Frauenbewegung zur bürgerlichen Frauenbewegung. Die "Neulandbewegung" und ihre "Führerin" Guida Diehl waren hier mit einem starken Impetus zur Politisierung des Privaten bemüht, die Enttäuschung über die mangelnde Verwirklichung der staatsbürgerlichen Gleichberechtigung von Frauen in die Forderung nach der Stärkung einer (stark rassistisch-antisemitisch geprägten, christlichen) weiblichen Sphäre zu wenden. Die "Neulandbewegung" übernahm mithin programmatisch durchaus Konzepte der bürgerlichen Frauenbewegung, negierte jedoch deren liberale Prämissen und betonte statt dessen die existentielle Gefahr für die christlich-deutsche Kultur durch den Aufklärungs- und Säkularisierungsprozeß als solchen. Diese Arbeit ändert erstmals die bislang stiefmütterliche Behandlung der Erforschung des Verbandsprotestantismus in der kirchenhistorischen Forschung durch die Rekonstruktion der organisatorischen, programmatischen und politischen Entwicklung der Neulandbewegung als Teil der protestantischen Frauenbewegung.
Kaspar Nürnberg (KN)
M. A., Historiker, Geschäftsführer des Vereins Aktives Museum, Berlin.
Rubrizierung: 2.312 Empfohlene Zitierweise: Kaspar Nürnberg, Rezension zu: Silvia Lange: Protestantische Frauen auf dem Weg in den Nationalsozialismus. Stuttgart/Weimar: 1998, in: Portal für Politikwissenschaft, http://pw-portal.de/rezension/5515-protestantische-frauen-auf-dem-weg-in-den-nationalsozialismus_7202, veröffentlicht am 01.01.2006. Buch-Nr.: 7202 Rezension drucken