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Dieter Rucht (Hrsg.)

Protest in der Bundesrepublik. Strukturen und Entwicklungen

Frankfurt a. M./New York: Campus Verlag 2001; 323 S.; kart., 34,90 €; ISBN 3-593-36451-4
Dass kollektiver Protest als eine Art der öffentlichen Thematisierung von Unzufriedenheit zur Normalität der modernen Gesellschaft gehört, erscheint theoretisch plausibel. Bisher jedoch war die empirische Basis für weitergehende Aussagen - etwa über Veränderungen im Zeitablauf oder in regional vergleichender Perspektive - unsicher. Das am Wissenschaftszentrum Berlin (WZB) mithilfe der Deutschen Forschungsgemeinschaft realisierte Projekt "Dokumentation und Analyse von Protestereignissen in der Bundesrepublik" (Prodat) beansprucht erstmals für die deutsche Situation eine methodisch verlässliche Datenlage zu schaffen. Auf der Basis einer quantitativ-inhaltsanalytischen Auswertung einschlägiger Berichterstattungen der Süddeutschen Zeitung und der Frankfurter Rundschau für den Zeitraum 1950 bis 1996 ist eine Datenbank entstanden, die im Längsschnitt relevante Protestereignisse abbildet und statistische Auswertungen unterschiedlicher Art ermöglicht. Die Beiträge des Bandes behandeln - vor dem Hintergrund des Projektes - exemplarische Fragestellungen einer quantitativ gestützten Protestereignisanalyse; alle Autoren gehörten der bis Ende 2000 bestehenden Abteilung "Öffentlichkeit und soziale Bewegungen" des WZB an und bis auf den Überblicksartikel von Neidhardt/Rucht sind alle Abhandlungen Originalbeiträge. Die Einmaligkeit dieses Projektes - die Kerndatei enthält 14086 Ereignisse - dürfte unstrittig sein, allerdings sollte man - worauf der Herausgeber ausdrücklich hinweist - die konzeptionellen Prämissen beachten. Wenig problematisch erscheint, dass auch bei diesem aufwendigen Verfahren die Grundgesamtheit unbekannt bleibt. Freilich beruht die Datengenerierung auf der Medienberichterstattung - und nimmt damit deren Selektivität in Kauf; darüber hinaus ist die Definition der Untersuchungseinheit "Protestereignis" und dessen quantitative Messung nur begrenzt in der Lage, Protest im interaktiven Kontext sozialer Bewegungen zu erfassen. Inhalt: Dieter Rucht: Protest und Protestereignisanalyse: Einleitende Bemerkungen (7-25); Friedhelm Neidhardt / Dieter Rucht: Protestgeschichte der Bundesrepublik Deutschland 1950-1994: Ereignisse, Themen, Akteure (27-70); Anja Corinne Baukloh: "Nie wieder Faschismus!" Antinationalsozialistische Proteste in der Bundesrepublik der 50er Jahre im Spiegel ausgewählter Tageszeitungen (71-101); Ruud Koopmans: Alter Rechtsextremismus und neue Fremdenfeindlichkeit: Mobilisierung am rechten Rand im Wandel (103-142); Dieter Rucht: "Heraus zum 1. Mai!" - Ein Protestritual im Wandel (143-172); Dieter Rucht / Jochen Roose: Von der Platzbesetzung zum Verhandlungstisch? Zum Wandel von Aktionen und Struktur der Ökologiebewegung (173-210); Peter Hocke: Protestieren nur die Studenten? Ein Vergleich mittelgroßer Städte in der "alten" Bundesrepublik (211-239); Susann Burchardt: Protestverhalten in Ost- und Westdeutschland im Vergleich, 1990-1994 (241-273); Christiane Eilders: Die Darstellung von Protesten in ausgewählten deutschen Tageszeitungen (275-311). Anhang: Anlage, Methode und externe Validierungen von "Prodat" (315-319); Publikationen aus dem Prodat-Projekt (321-322).
Thomas Mirbach (MIR)
Dr., wiss. Mitarbeiter, Lawaetz-Stiftung Hamburg, Lehrbeauftragter, Institut für Politische Wissenschaft, Universität Hamburg.
Rubrizierung: 2.35 | 2.37 Empfohlene Zitierweise: Thomas Mirbach, Rezension zu: Dieter Rucht (Hrsg.): Protest in der Bundesrepublik. Frankfurt a. M./New York: 2001, in: Portal für Politikwissenschaft, http://pw-portal.de/rezension/11925-protest-in-der-bundesrepublik_14227, veröffentlicht am 01.01.2006. Buch-Nr.: 14227 Rezension drucken