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Hans-Martin Schönherr-Mann

Politischer Liberalismus in der Postmoderne. Zivilgesellschaft, Individualisierung, Popkultur

München: Wilhelm Fink Verlag 2000; 175 S.; kart., 38,- DM; ISBN 3-7705-3529-4
Trotz der - nicht nur auf den ersten Blick - zahlreichen Differenzen zwischen politischem Liberalismus und den von postmodernen Autoren eingenommenen Positionen sucht der Verfasser plausibel zu machen, dass "die Postmoderne das liberale Denken fortsetzt und zwar unter Berücksichtigung des Zeitgeistes" (29). Im weiten Bogen behandelt Schönherr-Mann das Ende von Weltbildern als Entwürfen der technisch-wissenschaftlichen Zivilisation (31 ff.), das Verblassen eines an Ansprüchen von Authentizität ausgerichteten Ichideals (75 ff.) und der sich in Netzstrukturen auflösenden modernen Gesellschaft (103 ff.), um schließlich zum Modell einer auf Moderationsfunktion beschränkten Politik zu gelangen (119 ff.), die "kommunikativ faszinieren [muss] und [...] nicht monarchisch - vermeintlich aufgeklärt bis eingebildet erleuchtet - belehren [darf]" (131). Inhalt: Einleitung: Wird der Liberalismus postmodern? Das Ende einer Orientierung an der Natur des Menschen; Abschied von der aufklärerischen Vernunft; Das Verblassen des Kapitalismus im Zeichen seines Sieges; Liberalismus als kulturelles Phänomen; Das Ende des liberalen Fortschritts im postmodernen Pluralismus; John Rawls' Konzeption einer Gerechtigkeit als Fairness in einer unübersichtlich gewordenen Welt; Die postmoderne Gegenwart des Liberalismus. 1. Weltbild oder Ereignis Welt? Das Bewußtsein der Fiktionalität des Wirklichen; Die Schwäche des naturwissenschaftlichen Weltbildes; Die Zeit des Weltbildes (Heidegger); Pragmatischer Ausschluß von Weltanschauungen aus der Politik (Dewey, Peirce); Rawls vernünftige umfassende Lehren; Die wahre Welt als Fabel (Nietzsche); Die Fragwürdigkeit der eigenen Überzeugung; Skepsis und Zweifel als politisches Ethos; Die Ambivalenz des Gewissens; Sachlichkeit als Ethos der Moderne; Sachgerechtheit als provisorische Moral der Postmoderne; Eine fragwürdige Vernünftigkeit von Rawls vernünftigen umfassenden Lehren; Überkreuzung parzellierter Weltbilder: Die Vernunft des unvernünftigen Pluralismus; Die Freiheit von der Meinungsfreiheit: Das Ende der Mission; Globalisierung als Ende der Zeit der Weltbilder; Die Welt als Ereignis. 2. Menschenbild oder Ereignis Mensch? Liberale Anthropologie zwischen Egoismus und Mitgefühl; Die Schwächung des Menschenbildes; Die Paradoxien der Vernunft in ihrer Banalität; Die vergebliche Suche nach der Seele: das Selbst als das Fragwürdige; Bildung zur Humanität als Voraussetzung einer hedonistischen Lebenskunst: Aristipp von Kyrene; Kulturentwicklung als Genuß des Leidens; Charles Taylors positive Freiheit in der Krise: Das Individuum zwischen Gemeinschaft und Selbstbetrug; Orientierungslosigkeit multipler und schizoider Persönlichkeitsstrukturen; Die persönliche Verantwortung für die Andersheit des Anderen: Lévinas. 3. Welche Gesellschaft? Der Liberalismus jenseits einer rationalisierten Welt; Sozialverträge mit Verfallsdatum als reales Ereignis; Das aus Freundeskreisen und situativen Sozialverträgen konstituierte soziale Band; Der Niedergang von gemeinschaftsorientierten Traditionen im Zeitalter von Globalisierung und Individualisierung; Nach dem Ende der Ausbeutung: Solidarität mit den Marginalisierten im Anschluß an Rawls' Differenzprinzip. 4. Wozu Politik? Der Übergang von der Krieger- zur Zivilgesellschaft; Abschied vom Primat der Politik im Zeichen von Demokratisierung und Individualisierung; Politik als Ort des Widerstreits (Lyotard) oder als Moderation; Die ethisierende Kraft der politischen Rhetorik: auf dem Weg zur Gesprächskultur; Herrschaftsverträge als individuelle, zeitlich begrenzte Moderatorenverträge. 5. Wozu Kultur? Vom Niedergang der Nationalkultur zum Kulturpessimismus; Die Notwendigkeit des kulturell bedingten Leidens für das Individuum; Vielfalt der Sprachen in einer Kultur ohne Zentrum (Rorty); Die Kultur der Informationswelten; Pluralisierung und Globalisierung in der telematischen Welt: das Internet; Ästhetisierung der Moderne durch Konsumismus und Popkultur; Liberale Postmoderne als Abschied von der Hochkultur. 6. Was heisst Natur? Orientierungslosigkeit im ökologischen Denken; Das schwach gewordene ökologische Weltbild; Negative Ökologie als Ankunft; Die Informationsgesellschaft als fortschreitende Naturbeherrschung; Romantisches Naturverständnis als Ästhetisierung der Lebenswelt zwischen Mode und Sport; Die Natur als religiöse innerweltliche Orientierung.
Thomas Mirbach (Mir)
Dr., wiss. Mitarbeiter, Lawaetz-Stiftung Hamburg, Lehrbeauftragter, Institut für Politische Wissenschaft, Universität Hamburg.
Rubrizierung: 5.43 | 5.42 | 2.23 Empfohlene Zitierweise: Thomas Mirbach, Rezension zu: Hans-Martin Schönherr-Mann: Politischer Liberalismus in der Postmoderne. München: 2000, in: Portal für Politikwissenschaft, http://pw-portal.de/rezension/13137-politischer-liberalismus-in-der-postmoderne_15740, veröffentlicht am 01.01.2006. Buch-Nr.: 15740 Rezension drucken