Angelo Maiolino

Politische Kultur in Zeiten des Neoliberalismus. Eine Hegemonieanalyse

Bielefeld: transcript Verlag 2014 (Edition Moderne Postmoderne); 446 S.; 39,99 €; ISBN 978-3-8394-2760-6
Diss. Zürich; Begutachtung: G. Kohler, U. Marti. – Wenn der Neoliberalismus trotz Krisen, der tiefen Verunsicherung prekarisierter Bevölkerungsgruppen oder ganzer verschuldeter Staaten immer noch das dominante gesellschaftliche Modell darstellt: Wie ist dieses „befremdliche Überleben“ (Crouch) zu erklären? Der Schweizer Philosoph und Historiker Angelo Maiolino antwortet auf diese Frage mit der These von der neoliberalen politischen Kultur, die die öffentlichen Auseinandersetzungen um Welt‑ und Selbstdeutungen okkupiere. Kern dieses Macht/Wissens‑Komplexes sei eine „Ökonomisierung des Sozialen“, die sich in Begriffen der „Marktordnung, des Wettbewerbs, des unternehmerischen Handelns, des Humankapitals und der Kommodofizierung artikuliert und seine hegemoniale Macht über Regierungen, Institutionen und Individuen ausübt“ (12). So bekannt diese These zunächst scheint, so originell ist der methodische Ansatz der sprachlich glanzvollen Studie, die Kernkonzepte der politischen Semantik des Neoliberalismus untersucht und mit sozialen Praxen kontextualisiert. Zunächst wird dazu der meist konturlos verwendete Begriff der politischen Kultur als Teil einer Kritischen Theorie der Politik präzisiert, die sich an Gramscis Hegemonietheorie anlehnt. Politische Kultur fungiert demnach zum einen als Relais zwischen offiziellen und dominanten Sinnangeboten und der Internalisierung in je individuelle Sinnhorizonte. Zum anderen aber, und hier nimmt Maiolino Anleihen bei der Ideologietheorie von Marx und Gramsci, sei politische Kultur verschränkt mit historisch spezifischen materiellen Verhältnissen und den sozialen Praxen hegemonialer Projekte. Im zweiten Teil werden verschiedene Elemente der neoliberalen politischen Kultur analysiert. Neben bekannten Formen der Vermarktlichung werden dabei auch Elemente offengelegt, die Konsens gegenüber den desintegrierenden Effekten neoliberaler Reformen durch konservativ‑identitäre Integration herzustellen versuchen. Verallgemeinert ergibt: „Was eine neoliberale Politik also ausmacht, da sie in die Marktsphäre nicht intervenieren darf, ist die Intervention auf die Gesellschaft“ (297), um die marktwirtschaftliche Aktivierung und eine Politik der Entpolitisierung durchzusetzen. Nach einer Kontextualisierung mit hegemoniesichernden Praxen wie Fragmentarisierung oder Politainment skizziert Maiolino zum Ende Ansätze einer gegenhegemonialen Strategie.
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Rubrizierung: 5.422.22.222.235.435.452.24 Empfohlene Zitierweise: Clemens Reichhold, Rezension zu: Angelo Maiolino: Politische Kultur in Zeiten des Neoliberalismus. Bielefeld: 2014, in: Portal für Politikwissenschaft, http://pw-portal.de/rezension/38303-politische-kultur-in-zeiten-des-neoliberalismus_46637, veröffentlicht am 16.04.2015. Buch-Nr.: 46637 Inhaltsverzeichnis Rezension drucken

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