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Patrick A. Mello, Falk Ostermann (Hrsg.): Routledge Handbook of Foreign Policy Analysis Methods

21.11.2023
1 Ergebnis(se)
Autorenprofil
Dr. Max Lüggert
New York, Routledge 2023

Das Forschungsfeld der Außenpolitikanalyse umfasst eine Fülle an methodischen Herangehensweisen, die Patrick A. Mello und Falk Ostermann nun in einem Handbuch gesammelt haben: Die Spannweite dieser Beiträge erstreckt sich von feministischer Außenpolitikanalyse über Frameanalysen bis hin zu quantitativen Ansätzen. Unser Rezensent Max Lüggert sieht hierin eine gelungene Sammlung der wichtigsten Forschungsmethoden in diesem Feld, merkt aber auch kritisch an, dass die Autorinnen und Autoren selbstkritisch die Grenzen der einzelnen Ansätze besser hätten hervorheben können. (jm)


Eine Rezension von Max Lüggert

Die Forschung zu internationaler Politik stellt einen der Kernbereiche der Politikwissenschaft dar. Über viele Jahre haben sich in dieser Teildisziplin verschiedene Denkschulen sowie thematische Schwerpunkte ausgebildet, darunter das Feld der Außenpolitikanalyse. Diese untersucht, wie sich außenpolitische Vorgehensweisen auf nationaler Ebene entwickeln und artikulieren. Wie in anderen Teildisziplinen der Politikwissenschaft gibt es auch in der Außenpolitikanalyse ein breites Spektrum an methodischen Ansätzen. In dem vorliegen Sammelband haben es sich die Herausgeber Patrick A. Mello und Falk Ostermann zur Aufgabe gemacht diese methodische Vielfalt abzubilden. In insgesamt 34 Kapiteln kommen Vertreterinnen und Vertreter verschiedener Methoden zu Wort, um – so die Absicht der Herausgeber – in kompakten Beiträgen deren Entwicklungen, Potentiale und Grenzen sowie konkrete Anwendungsbeispiele vorzustellen.

Als Beispiel für spezifische Perspektiven auf Außenpolitik widmet sich Alexis Henshaw in ihrem Beitrag der feministischen Außenpolitikanalyse. Feministische Außenpolitik wurde in den letzten Jahren von einigen Staaten im Zusammenhang mit ihrer außenpolitischen Ausrichtung verwendet und hat allgemein zum Ziel, die Bedeutung geschlechtsspezifischer Prozesse in der Außenpolitik besser zu verstehen und die besonderen Interessen von Frauen stärker in den Blickpunkt außenpolitischer Initiativen zu rücken. Die Beschreibung geschlechtsspezifischer Hierarchien richtet sich dabei nicht nur auf den Forschungsgegenstand der Außenpolitik, vielmehr sollen durch feministische Außenpolitikanalysen auch bestehende Hierarchien innerhalb der eigenen Disziplin betrachtet werden. Feministische Ansätze der Außenpolitikanalyse sind dabei nicht auf bestimmte Methoden festgelegt und bleiben somit grundsätzlich in verschiedenen Konstellationen anwendbar. Henshaw konstatiert allerdings auch, dass diese Perspektive sich noch in einer Nische befinde, weshalb in ihrem Beitrag auch kaum ausführliche Fallbeispiele erscheinen.

Kommunikation spielt für Außenpolitik eine besondere Rolle. Daher ist es naheliegend, Statements jeglicher Art systematisch zu untersuchen. Ein möglicher Ansatz hierfür ist die Frameanalyse, die Sabine Mokry in ihrem Beitrag vorstellt. Framing bedeutet in diesem Zusammenhang, dass bestimmte kommunikative Inhalte in einen Kontext gesetzt werden, um eine bestimmte Botschaft zu überbringen und gleichzeitig zu zeigen, welche Inhalte den Absendern besonders wichtig sind. Als Beispiel betrachtet der Beitrag die Kommunikation außenpolitischer Akteurinnen und Akteuren aus China und den Vereinigten Staaten und wie sich in dieser Kommunikation inhaltliche Schwerpunkte verschieben. Mokry zeigt an diesem Fall zwei Vorteile der Frameanalyse auf: erstens, dass sich aus in der Regel offen zugänglichen Daten unterschiedliche politische Schwerpunktsetzungen ableiten lassen und zweitens, dass eine einfache Attribuierung zu bestimmten politischen Akteurinnen und Akteure möglich ist. Im Hinblick auf die Praktikabilität von Frameanalysen besteht jedoch der Nachteil, dass dafür große Textmengen zu verarbeiten sind. Bei dieser Verarbeitung gibt es zwar technische Hilfsmittel , davor müssen Statements jedoch kodiert werden, was unter Umständen viel Aufwand bedeutet.

Politisches Handeln hängt in jedem Fall von den beteiligten Personen ab. Aus diesem Grund sind psychologische Methoden ebenfalls ein wichtiges Instrument in der Forschung. Klaus Brummer stellt mit der Leadership Trait Analysis einen Ansatz aus diesem Bereich vor. Hierbei werden ähnlich wie bei der Frameanalyse die Aussagen von Führungspersonen codiert und untersucht, um diese auf sieben verschiedene Führungseigenschaften anzuwenden. Die Interaktionen innerhalb von Gruppen haben ebenfalls besondere Relevanz und können durch die Untersuchung von Gruppendenken besser verstanden werden, wie Kasey Barr und Alex Mintz in ihrem Beitrag schildern. Sowohl für die Leadership Trait Analysis wie auch für die Untersuchung von Gruppendenken werden verschiedene Momente US-amerikanischer Außenpolitik näher betrachtet. In beiden Artikeln stellt sich allerdings der Eindruck ein, dass durch Kategorisierung und Quantifizierung eine vermeintliche Objektivität hergestellt werden soll. Dabei werden bestimmte soziale Erscheinungsformen durch die Autorinnen und Autoren mit verschiedenen Begriffen kategorisiert, ohne jedoch darauf einzugehen, warum diese Einordnung nun zutreffend ist und andere nicht. Wenn aufgrund der Schlussfolgerungen einzelner Personen ein solcher Forschungsrahmen gebildet wird, erscheint dies ein Stück weit willkürlich.

Quantitative Methoden spielen bei der Außenpolitikanalyse allgemein eine besondere Rolle, weshalb hierzu verschiedene Ansätze im Band vorgestellt werden. Stellvertretend steht hier der Beitrag von Sibel Oktay, in dem sie statistische Methoden und hier vor allem Regressionsanalysen vorstellt. Dieses Instrument ist in den vergangenen Jahren in allen Bereichen der Politikwissenschaft zunehmend verbreitet worden. Der Erkenntnisgewinn statistischer Methoden besteht vor allem darin, Zusammenhänge zwischen verschiedenen Phänomenen darzustellen – Oktay verwendet als Beispiel in ihrem Beitrag eine Untersuchung, bei der einzelne Personen nach ihrem Vertrauen in die Vereinten Nationen gefragt wurden und das Ausmaß des so geäußerten Vertrauens mit persönlichen Merkmalen wie Geschlecht und vorangegangener militärischer Erfahrung in Zusammenhang gesetzt wird. Dieses Beispiel illustriert, dass sich durch statistische Analysen aussagekräftige Forschungsergebnisse erzielen lassen. Die Autorin konstatiert allerdings auch, dass dafür die untersuchten Variablen sorgfältig und realitätsnah zu definieren sind und dass sich nicht alle gesellschaftlichen Zusammenhänge bis ins Detail quantifizieren lassen.

Neben quantitativen Ansätzen sind daher auch qualitative Methoden ein wichtiger Bestandteil der Außenpolitikanalyse. Ein mögliches Instrument hierbei sind Interviews, wie Delphine Deschaux-Dutard in ihrem Beitrag vorstellt. Diese sind vielseitig einsetzbar, entweder als Hauptmethode oder um Erkenntnisse, die durch andere Methoden erzielt wurden, zu vertiefen. Aufgrund der persönlichen Interaktion können zudem Ergebnisse erzielt werden, die mit anderen Forschungsmethoden nicht möglich sind. Deschaux-Dutard nennt als Beispiel hierfür ihre eigene Forschung zur Gemeinsamen Sicherheits- und Verteidigungspolitik der Europäischen Union, in der sie durch Interviews mit Amtsträgerinnen und Amtsträgern ein vollständigeres Bild ihres Forschungsgegenstands erhalten konnte. Die persönliche Ebene grenzt die Wirksamkeit dieser Methode jedoch an einigen Stellen ein. So sind in Interviews stets die Vorstellungen und Vorbehalte der interviewten Personen zu berücksichtigen; gerade Bedenken um Vertraulichkeit können hier dazu führen, dass sich befragte Personen unvollständig äußern und so der Erkenntnisgewinn beschränkt wird. Eine mögliche Lösung für dieses Problem ist die Anonymisierung als vollständiger Verzicht auf die Angabe, von welchen Personen man bestimmte Informationen in einem Interview erhalten hat. Weiterhin kann man sich in Interviews nicht immer vollständig der Glaubwürdigkeit der Quellen sicher sein, weshalb für die Bestätigung bestimmter Aussagen (insbesonderer solcher, die sich nicht durch die Prüfung anderer zugänglicher Quellen bestätigen lassen) weitere Interviews nötig sein können, was einen entsprechenden Aufwand verursacht.

Zuletzt darf man auch nicht die technologischen Entwicklungen der letzten Jahre in den Bereichen sozialer Netzwerke und Big Data übersehen. Einen Teil dieses Spektrums betrachtet Andrea Schneiker und widmet sich in ihrem Beitrag der Bedeutung von X (ehemals Twitter). Die Analyse von Beiträgen auf X ist eine legitime Methode, da die Plattform auch durch staatliche Institutionen für außenpolitische Kommunikation genutzt wird. Die Begrenzung der Länge der einzelnen Beiträge trägt zudem auch zu pointierter und emotionalisierter Kommunikation bei, deren Untersuchung für bestimmte Fragestellungen (wie zum Beispiel der Einschätzung politischer Präferenzen bei kontroversen Themen) relevant sein kann. Es ist jedoch anzumerken, dass es bei der Analyse von X inhärente Einschränkungen gibt, die zu beachten sind. Erstens ist X wie viele soziale Netzwerke anfällig für Manipulation, weshalb sich nicht alle Beiträge zur Untersuchung eignen. Außerdem kann es auf allen sozialen Netzwerken zu Änderungen an den Nutzungsbedingungen kommen, die sich auf die dort veröffentlichten Inhalte auswirken.

Dem von Mello und Ostermann herausgegebenen Band gelingt es, verschiedene Ansätze und Perspektiven der Außenpolitikanalyse darzustellen. Es halten sich jedoch nicht alle Autorinnen und Autoren an die Vorgabe, auch die Nachteile und Grenzen ihrer Methoden hervorzuheben. Dennoch bieten die einzelnen Beiträge eine gute Orientierung und weisen mit ausführlichen Literaturhinweisen den Weg zur weiteren Recherche – gleichermaßen für Studierende, Forscherinnen und Forscher sowie für außenpolitische Praktikerinnen und Praktiker.

 

CC-BY-NC-SA
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